Thérèse philosophe

'''Thérèse philosophe, ou mémoires pour servir à l'histoire du Père Dirrag et de Mademoiselle Éradice' (französisch; "Philosophin Thérèse oder Memoiren zu Ehren der Geschichte von Pater Dirrag und Mademoiselle Eradice"), kurz: Thérèse philosophe'', ist ein Roman aus dem Jahr 1748, eines der bedeutendsten libertinen Werke des 18. Jahrhunderts. Als Verfasser wird Jean-Baptiste de Boyer, Marquis d'Argens vermutet.

Die Geschichte der Thérèse ist die der Abkehr von der kirchlichen Autorität hin zur Position der radikalen atheistischen Aufklärung eines Julien Offray de La Mettries. Die Hauptfiguren vollziehen fortdauernd geschlechtliche Handlungen in Abwechslung mit Diskussionen über philosophische Fragen, die sie zu höherer Erkenntnis führen. Der Text widerspiegelt damit - bei aller Vereinfachung - eine zentrale aufklärerische These: Das moralisch Böse sei in der Natur nicht zu finden, und der Mensch gewinne eine vernünftige Sittlichkeit, indem er seine natürlichen inneren Regungen nicht verleugne, sondern sie zu verstehen sich bemühe.

Die blasphemische Schlüsselszene zu Beginn der Erzählung, durch die Thérèse zur Abwendung von der Kirche geführt wird, entspringt einem europaweit bekannt gewordenen Skandal der 1730er Jahre. Dem Jesuitenpater Jean-Baptiste Girard wurde vorgeworfen die Bürgertochter Marie-Catherine Cadière im Beichtstuhl zum Geschlechtsverkehr verführt zu haben. ("Pater Dirrag" und "Mademoiselle Eradice", die im Titel erscheinen, sind Anagramme der Nachnamen "Girard" und "Cadière".) Durch eine Türöffnung beobachtet Thérèse, wie der Jesuit sein ohnehin zu religiöser Trance neigendes Beichtkind im Namen der Buße in einen Zustand der Ekstase geisselt und ihm dann eine spirituelle Durchdringung ankündigt. Über den Geschlechtsverkehr a tergo täuscht er Eradice, indem er ihr einredet, was sie erlebe, geschehe durch die Berührung mit einer Reliquie, nämlich dem Rest einer Kordel des Heiligen Franziskus.

Der Roman, der in der Ich-Perspektive erzählt wird, vereinigt die literarischen Traditionen der Hetärengespräche Lukians oder Kurtisanengespräche Aretinos und des Entwicklungs- bzw. Erziehungsromans, wie er später namentlich von Rousseau gepflegt wurde. Thérèse Philosophe mit seinen expliziten sexuellen Beschreibungen gilt als einer der bedeutendsten und meistverkauften pornografischen Texte der Aufklärungszeit. Solche verschwanden während des 19. Jahrhunderts in den "Giftschränken" der Bibliotheken (so etwa im Enfer der Bibliothèque nationale de France) und tauchten erst im 20. Jahrhundert aufgrund des literarischen und historischen Interesses daran wieder auf. Die Erforschung der vorrevolutionären Pornografie findet vor allem im Rahmen der Neuen Kulturgeschichte statt. Zu nennen ist insbesondere Robert Darnton, der auf das emanzipatorische Potential der Texte hinweist, bei denen die sittlichen Grenzüberschreitungen oft in Gesellschafts- und Religionskritik eingebettet sind.

Literatur

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