Sadomasochismus

Der Begriff Sadomasochismus umschreibt ein Spektrum sexuell geprägter Praktiken, die sich auf das einvernehmliche Zufügen oder Erleiden von Macht, Schmerzen, Demütigungen oder Freiheitsbeschränkungen ausrichten. Hierbei muss Geschlechtsverkehr nicht unbedingt die zentrale Motivation der Handelnden sein. Sadomasochismus ist ein wesentlicher Teilaspekt des Bereichs BDSM .

Einleitung

Sadomasochismus ist ein Begriff der Humanwissenschaften, der ein Spektrum besonderer sexueller Praktiken beschreibt.

In Medizin und Psychologie ging man früher generell davon aus, dass es sich um eine sexuelle Störung oder Paraphilie handelt. Diese pauschalisierende Auffassung gilt heute weitestgehend als veraltet (siehe unten) . Es gibt Sadomasochisten, die ihre Wünsche nicht real ausleben, sondern auf die Fantasie beschränken. Es gibt, wie auch beim Sadismus und Masochismus nur wenige Personen, die ihre Wünsche als persönlichkeitsfremd und krankhaft bewerten und im klinischen Sinn behandlungsbedürftig sind. In den aktuellen Diagnosekriterien wird u.a. insbesondere dieser Leidensdruck als Hinweis auf eine bestehende behandlungswerte Erkrankung angesehen.

Die grundlegende Basis für die Ausübung von Sadomasochismus ist, dass er prinzipiell von mündigen Partnern freiwillig und unter gegenseitigem Einverständnis in einem sicheren Maße praktiziert wird. Diese Grundprinzipien werden seit den 1990er Jahren unter der englischen Bezeichnung "safe, sane and consensual", kurz SSC zusammengefasst. Dies bedeutet soviel wie "sicher, mit klarem Verstand und in gegenseitigem Einverständnis". Die Freiwilligkeit , das heißt die Einvernehmlichkeit zwischen den Beteiligten grenzt Sadomasochismus von Vergehen oder Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung und von Gewaltmissbrauch sowohl rechtlich als auch ethisch ab.

Einige Sadomasochisten bevorzugen einen etwas anderen Verhaltenskodex mit der englischen Bezeichnung RACK (risk aware consensual kink) , was etwa soviel bedeutet wie risikobewusstes einvernehmliches sexuelles Handeln ; sie wollen damit die das Risikopotenzial betreffende Eigenverantwortung der beteiligten Partner stärker betonen.

Die Freiwilligkeit als entscheidendes Kriterium gilt aber auch hier. Die Einwilligung zu einem einvernehmlichen sadomasochistischen Geschehen kann nur geben, wer die Folgen seiner Zustimmung hinreichend abschätzen kann. Für seine Entscheidungsfindung muss der Einwilligende ausreichend Informationen und die notwendigen geistigen Fähigkeiten besitzen. Generell muss es dem Einwilligenden freistehen, die Einwilligung jederzeit widerrufen zu können, beispielsweise mit einem vorher vereinbarten Signalwort, einem sogenannten Safeword .

Es gibt Überlagerungen mit anderen von der Norm abweichenden sexuellen Präferenzen. Sadomasochismus kommt bei homosexuellen wie auch heterosexuellen Männern, Frauen und Transgendern vor.

Im Sinne der Soziologie liegt ein abweichendes Verhalten vor. Dieses ist häufig subkulturell organisiert. Kernpunkte des subkulturellen Sadomasochismus sind Freiwilligkeit und Einvernehmlichkeit der Partner und die erotische Komponente, dadurch kann er von sexueller Gewalt unterschieden werden. Der Begriff wurde 1913 von Isidor Isaak Sadger geprägt (s.u.).

Sadomasochismus wird heute öffentlich weitgehend als besondere Neigung oder sexuelle Spielart bewertet. Die psychiatrischen Klassifikationssysteme führen den Sadomasochismus zwar auf, als Diagnose spielt er aber in der psychiatrischen Versorgung heute praktisch keine Rolle .

Wissenschaftlich und klinisch ist eine klare Unterscheidung zwischen Personen geboten, die aufgrund einer schweren psychischen Abnormität oder Störung real sadistisch und damit kriminell handeln, einerseits und konsensuellen Sadomasochisten andererseits, die eine partnerschaftliche Beziehung gestalten. Die Rolle der Einvernehmlichkeit wurde dabei lange vernachlässigt und ist erst seit den 1970er Jahren ins Blickfeld der Sexualwissenschaften geraten. (Bestimmte Richtungen der Psychoanalyse tun sich bis heute jedoch schwer, diese nicht-wertende Unterscheidungen nachzuvollziehen. Sowohl von der Sexualwissenschaft als auch von Seiten der Psychoanalyse wurden im Laufe des letzten Jahrhunderts Theorien über den Ursprung sadomasochistischer Wünsche formuliert (Misshandlungen in der Kindheit, Vergewaltigung , eine retardierte sexuelle Entwicklung), die sich nur aus individuellen Fallgeschichten ableiten.) Aktuelle Untersuchungen führen diese Sichtweise nur noch selten an.

Heute gilt Sadomasochismus nach ICD-10 als "Störung der Sexualpräferenz" (Schlüssel F65.5), die dort wie folgt beschrieben wird: Es werden sexuelle Aktivitäten mit Zufügung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betroffene Person diese Art der Stimulation erleidet, handelt es sich um Masochismus; wenn sie sie jemand anderem zufügt, um Sadismus . Oft empfindet die betroffene Person sowohl bei masochistischen als auch sadistischen Aktivitäten sexuelle Erregung.

Erst mit dem Erscheinen des DSM IV im Jahr 1994 wurden Diagnosekriterien veröffentlicht, nach denen auch SM eindeutig nicht mehr als Störung der Sexualpräferenz angesehen wird.

Die Diagnose Sadismus oder Masochismus darf demnach hinsichtlich der sexuell motivierten Ausprägung dieser Störungen nur noch gestellt werden, wenn der Betroffene anders als durch die Ausübung sadistischer oder masochistischer Praktiken keine sexuelle Befriedigung erlangen kann, oder seine eigene sadistisch oder masochistisch geprägte Sexualpräferenz selbst ablehnt und sich in seinen Lebensumständen eingeschränkt fühlt oder anderweitig darunter leidet. Eine Überlagerung von sexuellen Präferenzstörungen und der Ausübung von BDSM-Praktiken kommt jedoch vor.

Neuere Untersuchungen zum Thema Verbreitung von SM-Phantasien und -Praktiken schwanken erheblich in der Bandbreite ihrer Ergebnisse, hierbei wird SM unter den moderneren Begriff BDSM subsumiert und nicht mehr isoliert betrachtet. Zusammenfassend lässt sich jedoch feststellen, dass die überwiegende Mehrheit der Autoren davon ausgeht, dass zwischen 5 und 25 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Sexualpraktiken ausübt, die mit der Lust an Schmerzen, bzw. mit Macht und Ohnmacht in Verbindung stehen. Der Bevölkerungsanteil mit entsprechenden Phantasien wird sogar regelmäßig höher beziffert.

Es existieren nur wenige Studien, die psychologische Aspekte des Themas BDSM unter Berücksichtung moderner wissenschaftlicher Standards betrachten. Eine zentrale Untersuchung zu dem Thema stammt von dem US-amerikanischen Sexualwissenschaftler Charles Moser und wurde 1988 im Journal of Social Work and Human Sexuality veröffentlicht. Er kommt zu dem Schluss, dass es generell an Daten über die psychologischen Probleme von BDSM-Anhängern fehlt, sich aber dennoch einige grundsätzliche Tatsachen herauskristallisieren. Er betont, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass BDSM-Anhänger gemeinsame Symptome oder irgendeine gemeinsame Psychopathologie haben und auch aus der klinischen Literatur kein konsistentes Bild von BDSM-Anhängern hervorgegangen ist. Moser weist darauf hin, dass nicht nachgewiesen werden kann, dass BDSM-Anhänger überhaupt irgendwelche besonderen psychiatrischen oder gar auf ihren Vorlieben beruhenden, spezifisch nur bei ihnen auftretende Probleme haben, die im direkten Zusammenhang mit ihrer Orientierung stehen.

Probleme treten teilweise in Bezug auf die Einordnung der eigenen Neigungen durch die Betroffenen auf. So ist die Frage nach der eigenen "Normalität" gerade in der Phase des eigenen Coming-Out (siehe auch dort) häufig. Gerade in Beziehungen mit sogenannten Vanillas kann das Entdecken entsprechender Neigungen nach Moser die Furcht vor einer Zerstörung der aktuellen Beziehung nach sich ziehen. Dies, zusammen mit der Furcht vor Diskriminierung im Alltag, führt bei einigen Sadomasochisten zu einem teilweise sehr belastenden Doppelleben. Zugleich kann das Verleugnen von sadomasochistischen Neigungen jedoch auch zu Stress und Unzufriedenheit mit dem sogenannten "Vanilla "-Lebensstil führen und erweckt bei einigen Betroffenen die Befürchtung, keinen Partner zu finden. Hierzu stellt Moser fest, dass Sadomasochisten, die Probleme beklagen, sadomasochistische Partner zu finden, zumeist auch Probleme haben, nichtsadomasochistische Partner zu finden. Der Wunsch, die entsprechenden Neigungen abzulegen, ist ein weiterer möglicher Grund für psychische Probleme der Betroffenen, da dies in der Regel nicht möglich ist. Der Wissenschaftler stellt in seiner Arbeit abschließend fest, dass BDSM-Anhänger nur selten Gewalttaten begehen. Aus seiner Sicht steht die eventuelle Beteiligung von BDSM-Anhängern an gewaltsamen Handlungen meist in keinem Zusammenhang mit der in ihrem Leben vorhandenen BDSM-Komponente.

Moser kommt in seiner Arbeit zusammenfassend zu dem Schluss, dass keinerlei wissenschaftliche Grundlage existiert, die es begründen könnte, Personen dieser Gruppe Arbeits- oder Sicherheitsbescheinigungen, Adoptionsmöglichkeiten, Sorgerechte oder andere gesellschaftlichliche Rechte oder Privilegien zu verwehren.

Begriffe

Geschichte

Rechtslage

Verbreitung

SM in Kultur und Medien

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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