Projekt Migrationsfamilien

"Homosexualität als Thema in Migrationsfamilien" ist der Name des Modellprojektes, das der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) seit Anfang 2005 in Berlin durchführt.

Ziel des LSVD-Projektes, das vom Bundesfamilienministerium unterstützt wird, ist die Aufklärung und Sensibilisierung von Familien mit Migrationshintergrund. Dafür sucht das Projekt den Kontakt zu Vereinen und Verbänden der Migrations-Communities sowie zu Multiplikatoren der Familienberatung. Zusammen mit erfahrenen Fachkräften werden Module zur Enttabuisierung von Homosexualität entwickelt. Die Veranstaltungen und Kampagnen zur Aufklärung setzen dort an, wo Werte und Konzepte von Sexualität sowie Rollenerwartungen zwischen den Generationen ausgehandelt werden: in der Familie.

Tabu Homosexualität

Schwerpunkte der Arbeit sind die türkisch-kurdische, die polnische und die russischsprachige Community. In diesen häufig sehr traditionell orientierten Gemeinschaften ist Homosexualität nahezu vollkommen tabuisiert. Allzu häufig geht ein homosexuelles Outing mit dem Bruch der familiären Bindungen oder ungewollten Eheschließungen einher. Die Veranstaltungen des LSVD Projektes Migrationsfamilien richteten sich daher ausdrücklich nicht nur an Betroffene, sondern an das gesamte familiäre Umfeld.

Selbstreflexion statt Belehrung

Oftmals wird befürchtet, der LSVD wolle in den Veranstaltungen heterosexuellen Menschen beibringen, wie man am besten mit Homosexuellen umgeht. Tatsächlich aber geht es um das Gespräch und die die Exploration der eigenen Einschätzungen. Selbstreflexion statt Belehrung ist unser Motto. "Was tun, wenn Ümit schwul ist?" Wenn das LSVD Team diese Frage an Mütter und Väter richtet, ist sie nicht Teil einer Prüfung, die es zu bestehen gilt. Meinungen werden ausgetauscht, Fragen können gestellt werden.

Dominanter Einfluss der Religion

In diesen Veranstaltungen berichten Migranten häufig von Problemen auf Grund des dominanten Einflusses von Religion. Auch wenn die Einzelnen bereit sind, Homosexuelle zu akzeptieren, bleiben die Reaktionen in Deutungsmustern verfangen, die Abgrenzung verlangen. Es scheint so, als würde die Spannung zwischen Tradition und Moderne auch die Wahrnehmungen und Emotionen spalten. Dabei ist die Dominanz von homosexualitätsfeindlichen oder traditionellen religiösen Auffassungen kein Kennzeichen einer bestimmten Ethnie oder Religion. Entscheidend ist vielmehr, ob es im Alltag der Familien Vorbilder für eine tolerante, aufgeklärte Form der Tradition gibt. Das gilt für den Islam ebenso wie für die römisch-katholische Kirche. Solange solche Vorbilder fehlen, ist der Respekt gegenüber Homosexuellen ausschließlich eine persönliche Angelegenheit. Eine Haltung, die häufig nicht über Autoritäten gedeckt und gegen diese vertreten werden muss.

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