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Orgasmus: Körperliche Einschränkungen

Anorgasmie

Als Anorgasmie, manchmal auch als "Orgasmushemmung", wird eine Orgasmusstörung bei Frauen wie Männern bezeichnet, die durch ein oftmaliges oder andauerndes Fehlen eines sexuellen Höhepunktes bei ungestörter Erregungsphase definiert ist.

Diese ist bei Frauen häufiger als bei Männern festzustellen: Nur etwa ein Drittel der sexuell aktiven Frauen berichtet von regelmäßigen Orgasmen. 5 bis 10 % geben an, noch niemals einen Orgasmus gehabt zu haben.

Bei Männern muss eine Anorgasmie bzw. im weiteren Sinn die Orgasmusstörung von einer Ejakulationsstörung im engeren bzw. einer erektilen Dysfunktion im weiteren Sinne abgegrenzt werden.

Anorgasmie kann auch durch die Einnahme eines Antidepressivums ausgelöst werden.

Neben der ungewollten gibt es auch die gewollte Anorgasmie, bei der einem der Partner bewusst die sexuelle Befriedigung verwehrt wird. Siehe Never-Inside, Peniskäfig.

Während es bei der ärztlichen Behandlung von Männern mit Orgasmusproblemen üblich ist, sowohl psychische als auch physische Faktoren zu berücksichtigen, richtet sich die Ursachenforschung und Behandlung von Frauen, die unter ähnlichen Schwierigkeiten leiden, nach wie vor stark auf den psychischen Bereich. Selbst in den zahlreichen Fällen, in denen durch diese Handhabe keine Besserung eintritt, wird häufig nicht umfassender nachgeforscht, die Betroffenen finden keine adäquate Hilfe. In Wirklichkeit ist die Fachwelt häufig ratlos, da die Anatomie und die Funktionen der weiblichen Geschlechtsorgane noch immer nicht hinreichend erforscht sind. Das zeigt sich etwa darin, dass bei Operationen häufig unnötig Nerven oder Blutgefäße verletzt werden, die, wie sich oft zu spät zeigt, für das weibliche Lusterleben von Bedeutung sind. Erst im Jahr 1998 sorgte eine neue Entdeckung der Urologin Helen O'Conell in der Fachwelt für Furore: die Klitoris liegt zum größten Teil unter Gewebe verborgen und ist mehr als doppelt so groß wie bisher angenommen wurde, vergl. Kapitel Neuere Forschungsergebnisse. Aufgrund der Forschungs- und Behandlungsdefizite wurde - ebenfalls gegen Ende der 90er Jahre - die ''International Society for the Study of Woman's Sexual Health'' gegründet, eine Organisation, die sich eingehend der Erforschung der körperlichen Ursachen der sexuellen Dysfunktion bei Frauen widmet.

Die bisher vorliegenden neuesten Studien zeigen, dass eine Orgasmuslosigkeit bei Männern und Frauen oftmals sehr ähnliche Ursachen hat. Sie reichen etwa von psychischen Faktoren (vergl. Sexualangst) über krankheits-, unfall- oder operationsbedingte Schädigungen der Nerven oder der Kapillargefäße (Risikofaktoren können hier bestimmte Erkrankungen, etwa Diabetes, Multiple Sklerose, sein) bis hin zu Durchblutungsstörungen, etwa bedingt durch eine arterielle Hypertonie (Bluthochdruck), Arteriosklerose oder Rauchen. Neueste Diagnoseverfahren und -Geräte ermöglichen mittlerweile auch bei den Patientinnen eine präzisere Erforschung und Eingrenzung der körperlichen Ursachen. So erzeugt ein Stab, der in die Vagina eingeführt wird, der Genito-Sensory-Analyzer, unterschiedliche Temperatur- und Vibrationsreize, deren Wahrnehmung die Patientin per Knopfdruck anzeigt, wodurch Rückschlüsse auf eine etwaige Nervenschädigung ermöglicht werden. Andere Geräte messen Feuchtigkeit oder Durchblutungsintensität der Genitalien.

Auch in der Therapie zieht die Berücksichtigung körperlicher Ursachen bei Frauen langsam nach. Neueste Studien haben gezeigt, dass geringe Mengen des "männlichen Hormons" Testosteron für das weibliche Lustempfinden wichtig sind. Wird ein Mangel als Ursache festgestellt, kann das Hormon ersetzt werden, etwa durch ein hormonhaltiges Gel, das im Bereich der Klitoris aufgetragen wird. Ist eine Mangeldurchblutung der Kapillargefäße die Ursache der Störung, kann es laut Dr. Johannes Siewers (einem der wenigen Sexualmediziner in Deutschland, die die aktuellen Erkenntnisse und Methoden bereits in der gynäkologischen Praxis nutzen) auch bei Frauen sinnvoll sein, den Einsatz von Viagra zu testen. Wie für betreffende Männer schon länger erhältlich, gibt es inzwischen auch für Frauen eine so genannte Vakuumpumpe (vergl. Penispumpe), die an den äußeren Genitalien angesetzt wird und durch Sogwirkung die Gefäße trainiert.

Siehe auch: Asexualität

Querschnittslähmung

Menschen mit Querschnittslähmung haben in der Regel ab dem geschädigten Rückenmarksabschnitt wenig oder keine körperlichen Empfindungen. Es kann jedoch auch der Fall sein, dass Tetraplegiker und Paraplegiker oberhalb TH 6 zu einem normalen Orgasmus und einer normalen Erektion kommen können. Auch bei einem inkompletten Querschnitt kann es der Fall sein, dass die körperliche Empfindung nicht beeinträchtigt ist.

Manche Gelähmte benutzen ein Reizgerät, den so genannten Brindley-Stimulator. Dieses Gerät besteht aus zwei Teilen, ein Kontakt wird unter die Haut implantiert und mittels im Körper verlegten Elektroden mit dem abgeschnittenen Teil des Rückenmarks verbunden, der für die Kontrolle der Unterleibsfunktionen zuständig ist. Das Hauptgerät kann individuell eingestellt werden und wird bei Bedarf von außen an den Kontakt gehalten. Die Stimulation äußert sich in einer starken Vibration des gesamten Unterleibes, die in der Regel Blase und Darm stimulieren soll, um die Entleerung zu fördern, aber auch in der Sexualität genutzt wird, um Erektionen oder anderweitige sexuelle Stimulation hervorzurufen. Der ausgelöste Orgasmus ist nicht mit dem gewöhnlichen genitalen Orgasmen zu vergleichen, ist aber laut Aussage der von Querschnittslähmung Betroffenen nicht weniger befriedigend.

Interessant ist eine Studie, welche von Dr. R. Richter, dem leitenden Urologen am Zentrum für Rückenmarkverletzte in Halle, in einem Brief an die Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e.V. (ASbH e.V.) veröffentlicht worden ist, in welcher querschnittsgelähmte Frauen trotz totaler primärer Gefühllosigkeit, Penetration durchaus wahrnehmen können. Ob dies durch eine Reizweiterleitung durch die Stimulation der Gebärmutter oder auf anderem Wege geschieht, ist jedoch noch nicht geklärt.

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