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Bewusste Steuerung des Orgasmus

Wie häufig und durch welche Stimulationen ein Mensch Orgasmen erleben kann, sagt wenig über seine sexuelle Genussfähigkeit aus. Sie hängt vielmehr von der Tiefe seiner Hingabe, seiner Fähigkeit zur Überwindung der Selbstkontrolle und seinem Selbstwertgefühl ab. Die Bezeichnung Liebesspiel kommt von Spiel als Tätigkeit zum Selbstzweck aus purem Genuss. Diese Einstellung beinhaltet oft eine größere sexuelle Erfüllung als die leistungsorientierte Orgasmusjagd (vergl. Kapitel: Der vorgetäuschte Orgasmus).

Die Intensität des weiblichen Orgasmus lässt sich laut unterschiedlichen Erfahrungsberichten mit der "Raffinesse" des Liebesspiels steigern, etwa durch kurzfristige Intensitätsänderungen der Berührungen, mehrfache Stimulationen wie gleichzeitige Berührungen von Klitoris und Brüsten, Mund oder Analregion sowie einer spielerischen "Inszenierung", etwa durch das Einnehmen einer aktiven, passiven oder imaginären Rolle oder durch Verbinden der Augen. Darauf zu warten oder sich unter Druck zu setzen wird hingegen als hinderlich beschrieben.

Männer lernen mit zunehmender Erfahrung, wie sie ihren Orgasmus und die Ejakulation durch Selbstbeherrschung und -disziplin besser kontrollieren können. Hierbei entwickeln sie vor allem die Fähigkeit, den Orgasmus willentlich hinauszuzögern, was häufig den sexuellen Genuss erhöht und zu einem intensiveren Höhepunkt führt. Ebenso kann die Partnerin oder der Partner durch einen Intensitätswechsel der Stimulationen den Zeitpunkt des männlichen Orgasmus mit steuern.

Eine Verfeinerung des Liebesspiels stellt das bewusste Hinauszögern des Orgasmus durch wiederholtes Unterbrechen der Stimulation bei fortgeschrittener Erregung dar. Diese Erkenntnis begründet die Sexualtechniken des hinduistischen Tantras, wobei sich der Orgasmus hier nicht in einer explosiven Entladung der sexuellen Energie äußert, sondern mit bestimmten Atemtechniken in andere Erlebnisformen transformiert wird, die sich in einem ganzkörperlichen Talorgasmus und lang anhaltenden Zustand hoher Ekstase äußern.

Auch Teile der heute im Westen populären altindischen Schriften des Kamasutras zeugen bereits von einer frühen Auseinandersetzung mit Techniken, die eine Steigerung des sexuellen Genusses erzielen sollen, überdies setzen sie einen bemerkenswerten Kontrapunkt zum heute in Indien verbreiteten eher prüden Umgang mit der Sexualität.

In Hinduismus und Buddhismus steht jedoch nicht die Verstärkung des sexuellen Lusterlebnisses im Mittelpunkt, sie ist lediglich ein Nebenprodukt der spirituellen Handlung. Die sexuellen Techniken des Tantras bezwecken nach traditioneller hinduistischer Auffassung vielmehr, eine Nähe zu den Göttern, insbesondere der Doppelgottheit Shiva/Shakti herzustellen und durch das orgastische Erleben einer Auflösung der Ich-Grenzen selbst zu dieser zu werden, bzw. nach der Auffassung des tantrischen Buddhismus die Erfahrung der Einheit von Glückseligkeit und Leerheit. Nach Auffassung einzelner Tantriker handelt es sich bei dieser Erfahrung um ein besonderes Samadhi, das durch andere Meditationsmethoden nicht oder nur wesentlich schwieriger erreichbar ist. Die Bereitschaft zur Selbstaufgabe begünstigt hierbei vermutlich die Erlebnistiefe - und umgekehrt.

Manche fernöstliche Vorstellungen betrachten den Orgasmus als "Bad des Körpers in Qi" (Qi lässt sich in etwa mit "Lebensenergie" übersetzen). Diese Auffassung wird in moderner Form von Mantak Chia vertreten. Auch hier tritt also eine Funktion an die Stelle des Selbstzwecks.

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