Lebensrechtsbewegung

Lebensrechtsbewegung ist die Sammelbezeichnung für Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen, die sich weltweit "für den Schutz des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod einsetzen ". In Erscheinung treten Lebensrechtler hauptsächlich im Widerstand gegen die Legalität bzw. Straffreiheit von Schwangerschaftsabbrüchen (Abtreibungen ), sie engagieren sich jedoch auch gegen Sterbehilfe, Klonen , Pränataldiagnostik und allgemein bei bioethischen Themen. Der Begriff wurde in den frühen 1960er Jahren in den USA geprägt, die amerikanische Bezeichnung lautet Pro-Life . Die Bewegung umfasst Personen aller Gesellschaftsschichten und unterschiedlichen Weltanschauungen.

Entstehungsgeschichte

Vorläufer

Als Folge der Menschenrechtsdiskussion während der Aufklärung wurden 1794 im Allgemeinen Landrecht erstmals auch die ungeborenen Kinder als Menschen betrachtet und ab dem Zeitpunkt der Empfängnis rechtlich geschützt.

Die 1960er Jahre

Ab Mitte der 1960er Jahre begann in den industrialisierten Ländern des Westens ein historischer Wandel: Die ersten Pillen zur Empfängnisverhütung kamen auf den Markt, die so genannte Sexuelle Revolution begann und in den Medien war von einer "Sexwelle " die Rede. Parallel dazu formierte sich die neue Frauenbewegung unter anderem mit der Forderung "Mein Bauch gehört mir ". Die Reform des §218 StGB in Deutschland wurde öffentlich gefordert und diskutiert.

Nachdem bereits zuvor in einigen europäischen Staaten der Schwangerschaftsabbruch (umgangssprachlich Abtreibung genannt) in unterschiedlichem Umfang liberalisiert worden war, schlug in den USA das American Law Institute 1962 eine Entkriminalisierung der entsprechenden Gesetzgebung vor. Dem schlossen sich im Laufe des Jahrzehnts weitere gesellschaftliche Gruppen an. Seit 1967 änderten dementsprechend immer mehr US-Bundesstaaten ihre Gesetze. 1967 entstand auch die erste amerikanische Lebensrechts-Organisation, die Virginia Society for Human Life . 1968 wurde die Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch in Großbritannien reformiert.

Die 1970er Jahre

Im Jahre 1973 erließ der Oberste Gerichtshof der USA eine umstrittene Entscheidung im Fall Roe v. Wade. Nach Auffassung der Richter impliziert die Verfassung ein nicht ausdrücklich genanntes Recht auf Privatsphäre, welches auch das Recht auf Schwangerschaftsabbruch einschließt. Damit wurde der Abbruch auch in den 31 US-Bundesstaaten legal, in denen kein entsprechender Parlamentsbeschluss erging. Dies erregte viele gesellschaftliche Gruppierungen (darunter insbesondere Konservative und verschiedene Kirchen), da hiermit nicht nur den aktuellen, sondern auch künftigen Parlamenten die politische Entscheidung über Legalität oder Illegalität des Schwangerschaftsabbruchs entzogen worden war. Diese Entscheidung war ein Hauptanstoß für die Gründung zahlreicher, damals noch außerparlamentarischer, Pro-Life-Organisationen. Bereits 1973 wurde das National Right to Life Committee gegründet, das inzwischen in über 3.000 regionalen Gruppen aktiv ist. 1978 formierte sich die American Life League .

1972 wurde in der DDR die so genannte Fristenregelung beim Schwangerschaftsabbruch eingeführt. Ein entsprechender Versuch des Gesetzgebers in der Bundesrepublik Deutschland scheiterte 1975 an einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, woraufhin 1976 eine Neufassung des § 218 StGB (Indikationslösung, setzte eine ärztliche Indikation und eine Beratungsbescheinigung voraus) in Kraft trat. Als Reaktion auf die Liberalisierung dieses Paragraphen entstand die deutsche Lebensrechtsbewegung. Bereits 1974 gründete eine Gruppe von Studenten die Aktion Lebensrecht für Alle - ALfA (Verein seit 1977). Als weitere große Organisation folgte 1979 die christliche Bürgerinitiative Aktion Leben . In Österreich wurde 1975 eine Fristenregelung eingeführt, dort trat als erste größere Lebensrechtsorganisation die hauptsächlich im sozialen Bereich tätige "Aktion Leben Österreich " auf den Plan. Die schweizerische Vereinigung "Ja zum Leben" entstand nach der ersten Fristenlösungsabstimmung im Jahre 1976.

Die 1980er Jahre

Mitte der 1980er Jahre gründeten sich mehrere der auch heute noch bekannten deutschen Lebensrechsorganisationen, so 1984 die Juristen-Vereinigung Lebensrecht - JVL , mit ihrer Zeitschrift für Lebensrecht (ZfL). 1985 wurden die Christdemokraten für das Leben - CDL durch Parteimitglieder der CDU/CSU gegründet. 1986 fand in Rüsselsheim unter der Leitung der Aktion Lebensrecht für Alle ein informelles Treffen verschiedener Lebensrechtgruppen statt. Als erstes gemeinsames Projekt wurde während des Deutschen Evangelischen Kirchentages 1987 ein sogenanntes Lebenszentrum gestaltet.

In den 1980er Jahren versuchten deutsche Lebensrechtler u.a. eine Verschärfung des § 218 herbeizuführen, da die sogenannte "soziale Indikation" ihrer Meinung nach faktisch der vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärten Fristenregelung gleichkäme. Außerdem klagten sie erfolglos gegen die Kostenübernahme von Schwangerschaftsabbrüchen durch Krankenkassen, die auch heutzutage in 90% aller Schwangerschaftsabbrüche die Kosten übernehmen.

1985 erregte Dr. Bernard Nathanson, ehemals Mitbegründer der "NARAL" (National Abortion Rights Action League , die erste Bewegung für Abtreibung in den USA) und jetziger Abtreibungsgegner , weltweit Aufsehen mit seinem Film Der stumme Schrei (The Silent Scream ), der die Ultraschallaufnahmen eines Schwangerschaftsabbruchs dokumentierte und der Lebensrechtsbewegung weiteren Aufschwung verschaffte. 2003 erläuterte Nathanson in einem Artikel der Januar-Ausgabe der Zeitschrift "Whistleblower ", wie die NARAL seiner Ansicht nach zur Rechtfertigung ihrer Position manipuliertes Zahlenmaterial verwendete: "Wir fälschten die Zahl der illegalen Abtreibungen , die jährlich in den USA gemacht wurden. Wir wussten, dass die Gesamtzahl der illegalen Abtreibungen in den USA jährlich etwa 100.000 betrug. Die Anzahl aber, die wir wiederholt an die Öffentlichkeit und an die Medien weitergaben, war 1 Million (...) Wir wussten ebenfalls, dass die Zahl der Frauen, die in den USA jährlich bei illegalen Abtreibungen starben, zwischen 200 und 250 lag. Die Anzahl, die wir beständig wiederholten und an die Medien weitergaben, war 10.000 ".

Ebenfalls 1985 kam in der Schweiz die Initiative "Recht auf Leben" zur Abstimmung, mit welcher Lebensrechtsorganisationen den Grundsatz Das Leben des Menschen beginnt mit dessen Zeugung und endet mit seinem natürlichen Tode. in der Verfassung verankern wollte. Die Verfassungsänderung wurde vom Schweizer Stimmvolk mit 70%-iger Mehrheit abgelehnt.

Die 1990er Jahre

In den 1990er Jahren waren die Lebensrechtsgruppen in den USA zu einer Bewegung mit Millionen von Mitgliedern angewachsen und übten einen erheblichen gesellschaftlichen Einfluss aus. Betrug die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche 1990 nach den Statistiken des Alan Guttmacher Institute noch 1.608.600, so sank sie bis 1999 auf 1.314.000 (Quelle: ). Nicht zuletzt durch ihre Kampagnen gegen die Spätabtreibung mit Tötung des meist überlebensfähigen Fetus im letzten Schwangerschaftsdrittel (Teilgeburtsabtreibung) gewannen die Lebensrechtler viele Anhänger. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in Europa spielte und spielt in den USA die politische Lobby-Arbeit der Lebensrechtsbewegung wie auch der Befürworter eines freien Schwangerschaftsabbruchs (Pro-Choice ) eine ganz erhebliche Rolle im öffentlichen Meinungsbild.

Nachdem das Regime in Ost-Berlin abgedankt hatte und bürgerliche Freiheiten gewährt wurden, gründeten überzeugte - vorwiegend evangelische - Christen zu Beginn der 1990er Jahre die Lebensrechtsgruppe "Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren " (KALEB). Diese hat ihren Sitz in Berlin und ist hauptsächlich in den neuen Bundesländern aktiv.

Daneben ist seit 1999 die aus den USA kommende Gruppierung Helfer für Gottes Kostbare Kinder in Deutschland aktiv. Diese Bewegung arbeitet auf der Grundlage des katholischen Glaubens, wird von vielen konservativen Katholiken unterstützt und unterhält in München das sog. Lebenszentrum , eine Beratungs- und Hilfsstelle für schwangere Frauen in Not. Die Helfer für Gottes kostbare Kinder führen häufig Gebetsmahnwachen vor Abtreibungskliniken und -ambulanzen durch. Seit etwa 2005 dürften die Helfer wahrscheinlich die aktivste katholische Lebensrechtsgruppe in Deutschland sein.

1995 wurde in Deutschland die Indikationen- durch eine Fristenregelung bei vorgeschriebener Beratung ersetzt. Die Auseinandersetzung der deutschen Lebensrechtsgruppen mit den regionalen Kirchen um den Beratungsschein spitzte sich zu. Viele Lebensrechtsgruppen wandten sich gegen den von der katholischen Kirche und den meisten evangelischen Kirchen in ihren Beratungsstellen ausgestellten Beratungsschein (der gesetzlich ab dem 1. August 1995 einzige Voraussetzung für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch war), da sie darin eine Mitwirkung der Kirchen an der Tötung ungeborener Kinder sahen. 1999 ordnete der Papst an, in katholischen Beratungsstellen keinen solchen Beratungsschein mehr auszustellen.

Die Duldung der Euthanasie in den Niederlanden (2001 legalisiert), in Belgien, der Schweiz, in Oregon, Kolumbien und Teilen Australiens wurde zu einem zentralen Thema der Lebensrechtsbewegung, die sich strikt gegen die aktive Sterbehilfe an alten, kranken und behinderten Menschen wendet. Auch bioethische Themen (Hirntoddiskussion, Bioethikkonvention, Forschung an nichteinwilligungsfähigen Menschen, z.B. an Wachkomapatienten, geistig behinderten Menschen, Kindern) gewannen in der Lebensrechtsbewegung immer mehr an Bedeutung. Wegen der zunehmenden Globalisierung und wegen internationaler Empfehlungen sowie gesetzlicher und gerichtlicher Vorgaben (z. B. UN, Europäisches Parlament, Europäischer Gerichtshof) befasst sich die Bewegung mehr als bisher auch auf internationaler Ebene mit diesen Bereichen.

Seit 2000

Nicht zuletzt als Folge der Arbeit der Lebensrechtsbewegung fand ein Meinungsumschwung in der US-amerikanischen Bevölkerung statt: hatte noch in den 1990er Jahren die Mehrheit für den frei zugänglichen Schwangerschaftsabbruch plädiert, so sprachen sich jetzt die meisten, insbesondere unter den Jüngeren, für eine enge Begrenzung dieser Möglichkeit aus. In diesem Jahr gewann auch George W. Bush, der sich für ein Verbot der Teilgeburtsabtreibung aussprach, die Präsidentschaftswahlen.

Im Zusammenhang mit den weltweiten aufsehenerregenden Klonversuchen, zuerst an Tieren ("Klonschaf Dolly"), setzt sich die Lebensrechtsbewegung gegen das reproduktive Klonen und gegen das sogenannte "therapeutische" Klonen ein, welches einen starken Verbrauch von Embryonen beinhaltet. Weitere bioethische Themen kamen hinzu, z.B. Forschung und Eingriffe am menschlichen Erbgut oder Forschung mit embryonalen Stammzellen.

Zu Beginn der 2000er Jahre ergriffen die Schweizer Lebensrechtsorganisationen das Referendum gegen den Vorschlag des Parlaments zur Entkriminalisierung der Abtreibung und Einführung einer Fristenregelung und konterten den Gesetzesvorschlag mit der "Initiative für Mutter und Kind", die ein totales Abtreibungsverbot forderte. Beide Vorstöße scheiterten 2002 an der Urne.

Weltanschaulicher und philosophischer Hintergrund

Ziele und Themen der Lebensrechtsbewegung

Mittel und Wege zur Umsetzung der postulierten Ziele

Kritik

Literatur

Weblinks zum Thema Lebensrechtsbewegung (Organisationen der Lebensrechtsbewegung)

Weblinks, sonstige

Verwandte Themen

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