KeuschheitsprobeAls Keuschheitsprobe
bezeichnet man Verfahren zur Prüfung oder des Beweises dafür, dass eine Person ihre Keuschheit
, verstanden als Jungfräulichkeit, geschlechtliche Enthaltsamkeit oder eheliche Treue, bewahrt hat.
Keuschheitsproben
umfassen medizinische, magische und - in der Form des Gottesurteils - rechtliche Verfahren. Sie sind als kultische oder rechtliche Praxis, Element des Volksglaubens oder Motiv der Sage und Literatur in vielen Kulturen verbreitet und gehen einher mit je eigenen physiologischen, moralischen und religiösen Vorstellungen, insbesondere auch mit kulturell geprägten Vorstellungen von den Geschlechterrollen
von Mann
und Frau
.
Für die Prüfung vorehelicher Unberührtheit wurde in älteren Kulturen, wie zum Teil noch heute, nach Blutfluss als Folge des ersten ehelichen Geschlechtsverkehrs
gesucht, oder man suchte durch Beschauen und Betasten des Unterleibes nach Merkmalen wie Schwellung und Weichheit des Uterus, die in der antiken und mittelalterlichen Medizin als typische Auswirkungen des Geschlechtsverkehrs
auf den weiblichen Körper galten.
Daneben finden sich jedoch auch vielfältige andere Verfahren, bezeugt als reale Praxis oder zumindest als Glaubens- oder Erzählmotiv, die geschlechtliche Enthaltsamkeit - sei es vor der Ehe
und insofern als Jungfräulichkeit im engeren Sinn, oder während der Ehe
(eheliche Treue) oder auch unabhängig von einer Ehe
- beweisen oder widerlegen sollten. Sie erscheinen oft als ein Sondertyp der Unschulds- oder Wahrheitsprobe, bei der eine Person durch Gottesurteil oder Magie in ihrer Schuld erwiesen oder als Lügner überführt werden soll. Und sie verbinden sich zum Teil mit der Vorstellung, dass Keuschheit
oder Jungfräulichkeit mit besonderen Fähigkeiten einhergehe und sich deshalb am Besitz dieser Fähigkeiten auch die Keuschheit
oder Jungfräulichkeit dieser Person erkennen lasse.
Beispiele
- Das 4. Buch Mose schreibt vor, dass eine Frau
, die von ihrem Mann
der Untreue verdächtigt wird, von einem Priester mithilfe einer Beschwörung und eines Trankes "bitteren, fluchbringenden Wassers" geprüft werden soll: ist sie unschuldig, so wird der Trank ihr nicht schaden, ist sie dagegen schuldig, so wird "ihr der Bauch schwellen und die Hüfte schwinden (...), und es wird die Frau
zum Fluch werden unter ihrem Volk".
- Der Traktat Kethuboth
(Von der Ehelichung) des Babylonischen Talmuds erzählt, dass Rabbi Gamaliel den Unterschied zwischen einer Jungfrau
und einer Nichtjungfrau riechen konnte, indem er sie auf ein Fass mit Wein setzte: bei einer Nichtjungfrau ging der Weingeruch "durch" (nämlich durch den Mund). Als positiven Nachweis vorehelicher Unberührtheit soll er dieses Verfahren bei einer neuvermählten Frau
sogar nachträglich durchgeführt haben, die von ihrem Mann
des vorehelichen Geschlechtsverkehrs
verdächtigt wurde, weil dieser nach dem eigenen Geschlechtsverkehr
mit ihr kein Blut gefunden hatte.
- Im indischen Epos Ramayana, in der Fassung des Dichters Valmiki entstanden vor dem 2. Jh. nach Christus, wird Sita, die Tochter der Erde und Gattin des göttlichen Königs Rama, von dem Dämonenkönig Ravana geraubt und gefangengehalten. Als Rama nach ihrer Befreiung an ihrer ehelichen Treue zweifelt und es ablehnt, sie wieder als Gemahlin anznehmen, wählt sie das Mittel der Feuerprobe, um ihre Treue zu beweisen oder andernfalls in den Tod zu gehen. Sie lässt einen Scheiterhaufen errichten, umschreitet erst Rama und dann den Scheiterhaufen, ruft die göttliche Allwissenheit als Zeugen an und begibt sich schließlich ins Feuer. Ihre Tugend ist jedoch so glühend, das selbst der Feuergott Agni davon versengt wird, der Sita dann unversehrt an Rama zurückgibt.
- Laut Pausanias (2. Jh.) mussten die Priesterinnen einer Göttin
in der achaischen Stadt Bura ab dem Zeitpunkt ihrer Ernennung Keuschheit
bewahren und durften zuvor auch nicht mit mehr als einem Mann
verheiratet gewesen sein. Zum Beweis, dass sie darüber die Wahrheit sagten, mussten sie einen Becher Stierblut trinken, das sich bei einer Lüge in tödliches Gift verwandelte.
- Achilles Tatios (Ende 2. Jh.) lässt gegen Ende seines Romans Leukippe und Kleitophon
(X, 7 ff.) die beiden Heldinnen Leukippe und Melite ihre Keuschheit
jeweils in einem Gerichtsverfahren beweisen. Die Ehebrecherin Melite beweist erfolgreich die Wahrheit ihres Schwures, dass sie ihren Ehemann nicht während dessen Abwesenheit betrogen habe (tatsächlich hatte sie ihn erst nach seiner Rückkehr betrogen), indem sie mit einem Amulett um den Hals, auf dem ihr Schwur geschrieben steht, in ein Wasser steigt, das einem Unschuldigen nur bis zum Schenkel, einem Meineidigen aber bis zum Hals reicht. Die Keuschheit
der tugendhaften Leukippe wiederum wird erprobt mithilfe einer Höhle, in der sich die Syrinx des Gottes Pan befindet: wird eine Jungfrau
dort eingeschlossen, so hört man die Syrinx erklingen, und der Eingang der Höhle öffnet sich der Jungfrau
von selbst, die bekränzt mit Fichten heraustritt. Fällt die Probe hingegen negativ aus, so hört man stattdessen einen Schrei, und wenn die Priester die Höhle drei Tage später öffnen, so ist die Probandin nicht mehr zu finden.
- Claudia Quinta, eine römische Matrone, die in den Ruf der Unkeuschheit geraten war, soll im Jahr 204 v.Chr. ihren Ruf durch einen Beweis übermenschlicher Kraft wiederhergestellt haben. Als der heilige Stein der Kybele auf dem Tiber nach Rom verschifft werden sollte und das Schiff wegen Trockenheit an der Tibermündung auf Grund lief, soll sie ein Gebet an die Göttin
gerichtet und das Schiff dann eigenhändig aus der Sandbank befreit haben
- In der Älteren Edda (9.-11. Jh.) erzählt das dritte Gudrun-Lied (Guðrúnarkviða in þriðja), dass Gudrun von Herkia, einer Magd und früheren Geliebten König Atlis, bei Atli verleumdet wird, ein Verhältnis mit Herzog Dietrich zu haben. Zum Beweis ihrer Unschuld führt Gudrun auf eigenes Verlangen eine Kesselprobe durch, indem sie mit der bloßen Hand Steine aus einem heiligen Kessel mit siedendem Wasser herausholt, den zuvor der "Fürst der südlichen Sachsen" für diese Probe geweiht hat. Als Gudrun zur Freude Atlis die Probe besteht, ohne sich zu verbrennen, muss Herkia ihrerseits die Gegenprobe antreten, verbrüht sich den Arm und wird zur Vergeltung für ihre falsche Anklage im Moor hingerichtet.
- Das zwölfte Buch der Könige des persischen Dichters Firdusi (gest. 1020) erzählt die Geschichte des Prinzen Siyawush, der den Verführungsversuchen
der Sudaba, einer der Frauen seines Vaters Kai Kaus, widersteht und daraufhin von ihr der Vergewaltigung
beschuldigt wird. Der König glaubt zunächst, durch Beriechen der Kleider der beiden die Unschuld seines Sohnes feststellen zu können, wird aber in seinem Urteil wieder wankend und befiehlt schließlich eine Feuerprobe, die diesmal der Mann
und nicht die Frau
zu bestehen hat. Hundert Karawanen schaffen das Holz für zwei gewaltige Scheiterhaufen herbei, die mit einem schmalen Durchlass nebeneinander errichtet und von zehn Männern angezündet werden. Siyawush, mit goldenem Helm gerüstet, weiß gekleidet und wie für ein Begräbnis mit Kampfer gesalbt, besteigt sein schwarzes Ross Shabrang und vermag nach einem Gebet an den göttlichen Richter unversehrt zwischen den beiden Feuern hindurchzureiten. Sudabah wird daraufhin auf Verlangen Volkes zum Tod durch Erhängen verurteilt, aber auf Bitten Siyawushs begnadigt, der trotzdem die Gunst seines Vaters nicht wieder dauerhaft erringen kann.
- Nach Darstellung der Annalen des Klosters von Winchester (13. Jh.) musste Emma, die Mutter Eduards III., sich noch im Jahr 1043, also mit 56 Jahren, in der Kirche des hl. Swithun von Winchester vor ihrem Sohn und dessen Magnaten einer Feuerprobe unterziehen, um sich und Bischof Aelfwine von Winchester von dem Vorwurf einer unzüchtigen Beziehung reinzuwaschen. Hierzu musste sie, so soll es ihr Ankläger Robert von Jumièges gefordert haben, barfuß neun Schritte hintereinander über neun glühende Pflugscharen tun - vier zu ihrer eigenen Reinwaschung und fünf zur Exkulpierung des Bischofs -, und zwar ohne zu straucheln, jeweils mit vollem Fuß auftretend, und ohne die geringste Verbrennung davonzutragen. Mit der Hilfe Gottes und des hl. Swithun, der ihr in der Nacht zuvor beim Gebet erschienen war, soll Emma die Probe so mühelos bestanden haben, dass sie selbst gar nichts davon bemerkte, sondern anschließend fragte, warum man sie denn aus der Kirche herausbringe, ohne dass sie ihre Probe hätte ablegen dürfen.
- Nach einem Erzählstoff, der u.a. in dem altfranzösischen Fabliau Le manteau mautaillé
, der mittelhochdeutschen Versnovelle Der Mantel
, verschiedenen Artusromanen und der altnordischen Möttuls saga
verarbeitet ist, gibt es einen von Elfen gewebten Mantel, der, wenn er einer unkeuschen Frau
umgelegt wird, schrumpft und einen Teil des Körpers oder speziell dasjenige Körperteil entblößt, mit dem die Unkeuschheit verübt wurde. In der Crône
Heinrichs von dem Türlin erscheint dieses Motiv abgewandelt als ein Zauberhandschuh, der die Körperteile des Trägers nach dem Grad ihrer Keuschheit
unsichtbar macht.
- Zu den Keuschheitsbeweisen
im Volksglauben, die das Handbuch des deutschen Aberglaubens verzeichnet, gehört die Fähigkeit, ein erloschenes Licht wieder anblasen oder eine Pflanze auf einem Stein zum Gedeihen bringen zu können.
- Ein vierzehnjähriges Mädchen von der Kaste der Unberührbaren in einem Dorf des indischen Distrikts Nalgonda, die in den Ruf geraten war, mit einem Jungen des Dorfes geschlafen zu haben, wurde laut Presseberichten im Jahr 2005 von sechs Dorfältesten zu einer Keuschheitsprobe
verurteilt, bei der sie mit bloßer Hand ein glühendes Eisen berühren oder einen Ring aus einem Kessel mit kochendem Öl herausholen sollte. Die Durchführung soll von der zunächst nur als Zuschauer beteiligten Polizei im letzten Augenblick verhindert worden sein
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