Inzesttabu

Das so genannte Inzesttabu ist eine soziale Regel, die den Inzest , d. h. den Geschlechtsverkehr bzw. die Heirat zwischen bestimmten, kulturell festgelegten Kategorien von Verwandten verbietet. Wie andere Tabus wird die Einhaltung des Inzesttabus oft durch übernatürlich begründete Sanktionen kontrolliert. In Deutschland hat das Inzesttabu als Eheverbot rechtsverbindlichen Charakter.

Inzesttabus existieren in fast allen bekannten Gesellschaften, wobei sich der Kreis der heiratbaren/nicht heiratbaren Personen von Kultur zu Kultur unterscheidet.

Aufgrund moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse weiß man, dass das Inzesttabu, bzw. das Verbot von Bruder-Schwester-Ehen, der Rekombination dient und die Wahrscheinlichkeit von Erbkrankheiten, als Effekten der Inzucht, verringert. Allerdings reicht dieses Argument nicht aus, angesichts der Vielfalt möglicher Verwandtschaftssysteme die Existenz und weite Verbreitung der Inzesttabus zu erklären.

  • Dies lässt sich u. a. mit Hinblick auf animistische Verwandtschaftssysteme erkennen, mit denen alle menschlichen Kulturen aus dem Tierreich kamen, die bis vor etwa 7000 Jahren praktisch überall auf der Welt bestanden haben und noch heute bei vielen Ethnien vorkommen. Animistische Verwandtschaftsysteme erkennen die Verwandtschaft meistens nur über die weibliche Linie an, weshalb durch das Inzesttabu Inzucht überhaupt nicht verhindert werden kann. Beispielsweise fallen Vater-Tochter-Ehen in fast allen animistischen Kulturen nicht unter das Inzesttabu, da nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte, wer der Vater ist. Wer die Mutter ist, steht jedoch immer fest. In älteren Abschnitten der Kulturentwicklung war zudem die Rolle der Väter bei der Zeugung der Nachkommenschaft überhaupt nicht bekannt. Man sah es damals als natürlich an, dass junge Frauen ab einem bestimmten Alter einfach anfingen, Kinder zu bekommen.
  • Das über mehrere hunderttausend Jahre bestehende System von Totem-Verwandtschaften verbietet also geschwisterliche Verbindungen und solche zwischen Mutter und Sohn, ohne die anderen, viel häufigeren Formen der Inzucht zu sanktionieren (siehe auch Totem oder Totemismus).
  • Dies spricht dafür, dass das Inzesttabu vor allem eine soziale oder gesellschaftliche Funktion hatte. Auch die hohen Strafen für seine Übertretung - fast immer der Tod oder die Verbannung - lassen darauf schließen, dass weniger realistische, die Gesundheit der Nachkommen betreffende Überlegungen diesem Tabu zugrunde liegen, als vielmehr solche, die den Zusammenhalt der Gemeinschaft betreffen. Das Übertreten des Tabus erscheint demnach nicht nur einfach als ein verwandtschaftlicher Seitensprung, sondern ist eine massive und unverzeihliche soziale Kooperationsverweigerung, die es rechtfertigt, den Täter permanent zu entfernen, damit solche Sitten gar nicht erst einreißen können. Selbst der Verlust einer Arbeitskraft wurde von der Gruppe als von geringerem Nachteil bewertet.

Ein Inzesttabu widerspricht nicht dem so genannten Endogamiegebot , bei dem es vorgeschrieben oder auch gerne gesehen ist, wenn eine Person sich Geschlechtspartner in der eigenen Verwandtschaftsgruppe auswählt. Im Totem-System bestehen die Mitglieder einer sozialen Gruppe (Gentilfamilie) nämlich zwangsläufig immer aus Angehörigen verschiedener Totems , da sonst die Einhaltung des Inzesttabus nicht möglich wäre. Dennoch können alle Mitglieder einer solchen sozialen Gruppe genetisch eng mit einander verwandt sein.

Das Inzesttabu wirkt immer dann kontraproduktiv, wenn es dazu führt, dass bestehende Inzestverhältnisse ignoriert und totgeschwiegen werden, dass eventuell missbrauchten Kindern keine Hilfe zu Teil wird, weil die Problematik absichtlich nicht wahrgenommen wird. Ein Tabu bedeutet nicht zuletzt eine Blockade des Denkens.

Beispiel

Inzest-Verbot in der bürgerlichen Familie

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