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Inzest in der Literatur

Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament der Bibel wird Inzest einheitlich verurteilt, wobei damit nicht nur Geschlechtsverkehr zwischen nahen Blutsverwandten, sondern auch zwischen nahen angeheirateten Verwandten gemeint ist (siehe 3. Mose 18, 6ff.). Inzest wird in der Bibel mehrfach erwähnt: So im Alten Testament die Geschichte von Lots Töchtern (1.Mose 19), die dem berauschten Vater beiwohnten, aus Angst, nach Sodoms Untergang keine Männer mehr zu finden, um Nachkommen zu erzielen. Abrahams Frau Sara war seine Halbschwester (1. Mose 20).

Neben den Inzesten, die in den Schöpfungsmythen vieler Völker vorkommen, kennt die Literaturgeschichte eine Vielzahl von gewöhnlich dramatischen Erzählungen, die das Thema des Inzestes behandeln. Klassisch ist die Ödipussage, in der ein ausgesetzter Sohn, ohne darum zu wissen, seine Mutter heiratet und mit ihr vier Kinder zeugt. Ebenfalls aus der griechischen Antike stammen die Mythen der Byblis (deren leidenschaftliche Liebe zu ihrem Bruder Kaunos diesen in den Tod und sie in die Fremde treibt) und der Myrrha (die sich infolge eines göttlichen Zorns in ihren Vater verliebt und ihn verführt). Das Märchen "Allerleirauh" der Brüder Grimm handelt von einem inzestuösen Begehren eines Vaters. Auch in den Sagen um Arthus taucht der Inzest auf. So soll Arthur mit seiner Halbschwester Morgana den Sohn Mordred gezeugt haben.

Innerhalb der romantischen Literatur erscheint der Inzest teilweise als auslösendes Moment einer tragischen Geschichte. In E. T. A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels erfährt der Leser gegen Ende durch die Genealogie der Protagonisten, dass ein Fall von Inzest für den ausbrechenden Wahnsinn der Hauptfigur und ihres Doppelgängers der Auslöser war, die in ihrem Wirrspiel quasi telepathisch verbunden erscheinen. Die Auslöschung der inzestuös entstandenen Familie erscheint als Ziel jener magischen bzw. wahnsinnigen Zustände.

In Richard Wagners Oper Die Walküre entbrennen die Zwillinge Siegmund und Sieglinde in Liebe zueinander. In der Vereinigung der Geschwister (Zitat: "So blühe denn Wälsungenblut") wird der Held Siegfried gezeugt.

Auch in Der Erwählte von Thomas Mann findet sich die Dualität von besonderer Tragik in Verbund mit einer gewissen Auserwähltheit. Hier wird der aus einer mittelalterlichen Erzählung, dem Gregorius Hartmanns von Aue entstammende Protagonist am Ende nach langen Leidens- und Bußejahren zum Papst erhoben. In Thomas Manns Novelle Wälsungenblut ist das Thema Inzest zwischen Geschwistern ebenfalls zentral, in Joseph und seine Brüder taucht es (in den Eltern des Potiphar) am Rande auf.

Eine besondere Form der "Wahlverwandten" entwickelt Patricia Brooks in ihrem Kammerspiel Garten der Geschwister. Sie lässt in ihrem »Garten der Geschwister« ganz eigene Blumen des Bösen wachsen, bis die Schlingpflanzen unentwirrbar ineinander verwachsen sind.

In Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez wird die Entwicklung der Familie Buendía charakterisiert, die mit Inzest beginnt (Verheiratung des Cousins mit der Cousine) und mit Inzest aufhört (Zeugung einer Missbildung zwischen Tante und Neffe). Des Weiteren ist die ganze Geschichte durchzogen mit inzestuösen Motiven der sexuellen Beziehung zwischen nahen Verwandten.

In der Schlüsselszene von Arundhati Roys Roman Der Gott der kleinen Dinge kommt es zum Inzest zwischen einem Zwillingspaar, um die mystische Bindung wiederherzustellen, die durch eine jahrelange Trennung von Bruder und Schwester verloren gegangen war.

In Ian McEwans Der Zementgarten übernehmen der minderjährige Jack und seine Schwester Julie nach dem Tod beider Eltern deren Rolle, wobei es in letzter Konsequenz auch zum Inzest der beiden Geschwister kommt.

Eine moderne Version ist auch Max Frischs Homo faber, in dem die (tragisch endende) Geschichte einer inzestuösen Verstrickung von Vater und Tochter geschildert wird. Eine mehr ersehnte als tatsächlich stattfindende Inzest-Liebe zwischen Bruder und Schwester wird weiters in dem Roman Partygirl (2003) von Marlene Streeruwitz geschildert, wobei der Roman deutlich auf die Erzählung Der Untergang des Hauses Usher des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe rekurriert.

Eine sehr skurrile Liebe zwischen Bruder und Schwester wird in dem Roman Das Hotel New Hampshire von John Irving beschrieben.

Auch Joanne K. Rowling greift die Thematik Inzest im sechsten Buch Harry Potter und der Halbblutprinz auf. Es wird schon im zweiten Buch angedeutet, dass sich die so genannten Reinblüter nur untereinander verheiraten. Im sechsten Buch wird berichtet, dass Vetter und Kusine einander heiraten, wenn keine anderen Reinblüter zur Wahl stehen. Harry erfährt von den letzten wirklichen Reinblütern. Die Familie Gaunt besteht nur aus dem Vater und seinen beiden missgebildeten Kindern.

In der Buchreihe Die Mayfair-Hexen von der Autorin Anne Rice vermehrt sich die Familie Mayfair durch Kreuz- und Parallelkusinenheirat; so heißen fast alle Mitglieder der Familie Mayfair, Ehen werden größtenteils nur untereinander geschlossen. Die Erben des "Vermächtnisses", eines gigantischen Vermögens und der Gabe den Geist "Lasher" zu sehen, schlafen untereinander, häufig Geschwister, Eltern mit ihren Kindern (manchmal sogar beides) oder nahe Cousinen und Cousins, ein Beispiel ist das Familienmitglied Julian Mayfair, welches sowohl mit seiner Schwester Katherine Mayfair als auch mit der daraus entstanden Tochter Mary-Beth Mayfair schlief und damit die nächste Erbin der Vermächtnisses Stella Mayfair "erschuf". Ein weiteres Beispiel ist das Familienmitglied Cortland Mayfair, welches sowohl mit seiner Nichte Antha Mayfair und seiner Enkelin Deirdre Mayfaire schlief.

Weiter lassen sich inzestuöse Motive feststellen in:

  • Jakob Michael Reinhold Lenz. Der neue Menoza. (1774)
  • Johann Wolfgang Goethe. Die Geschwister. (1776)
  • Ludwig Tieck. Der blonde Eckbert. (1797)
  • Friedrich Schiller. Ritter Toggenburg. (1797)
  • Edgar Allen Poe. Der Untergang des Hauses Usher. (1845)
  • Leonhard Frank. Bruder und Schwester. (1929)
  • Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften. (1931/32)
  • Thomas Bernhard. An der Baumgrenze. (1969)
  • Vladimir Nabokov. Ada oder Das Verlangen (1969)
  • Ian McEwan. Der Zementgarten. (1978)
  • Ingeborg Bachmann. Das Buch Franza. [Fragment, 1979]
  • Kaori Yuki. Angel Sanctuary. (1994-2000)
  • Ulrike M. Dierkes. ''Melina's Magie''. (1995)
  • Amelie Nothomb. Die Reinheit des Mörders (1996)
  • Cormac McCarthy. Draußen im Dunkel (1996)
  • Jana Frey. Der Kuss meiner Schwester. (? - dt. 1997, Jugendroman)
  • Ulrike M. Dierkes. Meine Schwester ist meine Mutter - Inzestkinder im Schatten der Gesellschaft. (1997)
  • Pascal Mercier. Der Klavierstimmer. (1998)
  • Melvin Burgess. Schlachten (09/2000,Jugendroman)
  • Motoi Yoshida: Koi Kaze. (2001-2004)
  • Haruki Murakami. Kafka am Strand (2002 - dt. 2004)
  • Poul Anderson. Das zerbrochene Schwert (2002)
  • Jeffrey Eugenides. Middlesex. (2003)
  • Ulrike M. Dierkes. Schwestermutter - Ich bin ein Inzestkind(2004)
  • Dea Loher. Tätowierung(2004, Theaterstück)
  • Helen Dunmore. Der Duft des Schnees (2004, Roman)
  • Justin C. Skylark. Dein Glück hat mein Gesicht (2006)
  • J.R.R. Tolkien. Die Geschichte der Kinder Húrins (postum 2007)
  • Katharina von Bredow. Ludvig, meine Liebe (2002,Jugendroman)
  • Helmut Knoll. Die Stunde des letzten Bildes (1994)
  • Marion Zimmer Bradley. Die Nebel von Avalon (1995)
  • Rainer M. Schröder. Land des Feuers, Land der Sehnsucht (2005,Roman)
  • Meg Rostoff. So lebe ich jetzt (2004, Jugendroman)
  • Nick Cave. Und die Eselin sah den Engel (1989, Roman)
  • Sonya Hartnett. Schlafende Hunde (1998, aus dem australischen Englisch von Petra Koob-Pawis), Würzburg: Arena 2000. Jugendroman, )

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