Intersexualität

Intersexualität ist eine Bezeichnung, die gemeinhin für Menschen mit nicht eindeutig weiblichen oder männlichen körperlichen Geschlechtsmerkmalen verwendet wird. Davon abzugrenzen ist der Hermaphroditismus (die Zwittrigkeit). Personen mit voll ausgebildeten männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen (hermaphroditismus verus) d. h. körperlich nicht eher zum einen oder anderen Geschlecht ausgebildet, sind sehr selten.

Biologische und medizinische Aspekte

Unterschied zu Transgender und Transsexualität

Abzugrenzen ist die Definition von Intersexualität von Transgender und Transsexualität : Transgender sind Menschen, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht falsch oder unzureichend beschrieben fühlen oder auch jede Form der Geschlechtszuweisung- bzw. -kategorisierung grundsätzlich ablehnen. Manche, aber keineswegs alle intersexuellen Menschen sind Transgender . Während in einigen Organisationen und Bündnissen Transgender und intersexuelle Menschen zusammenarbeiten, da viele Gemeinsamkeiten gesehen werden, lehnen andere intersexuelle Menschen jede Zusammenarbeit mit Transgendern ab.

Für die medizinische Diagnose Transsexualität hingegen ist Intersexualität formal ein Ausschlusskriterium. Die Diagnose Intersexualität kann nur durch Chromosomenanalyse erfolgen. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass intersexuelle Menschen, welche die Geschlechtsrolle wechseln, gar nicht erfahren, dass sie eigentlich intersexuell sind, und daher medizinisch und auch juristisch (Transsexuellengesetz , kurz TSG) wie transsexuelle Menschen behandelt werden.

Ursachen

Uneindeutigkeiten des Körpergeschlechts können verschiedene Ursachen haben:

  1. Chromosomale Variationen : Statt den häufigsten Karyotypen 46,XX (weiblich) und 46,XY (männlich) gibt es unter anderem auch die Varianten 45,X, bekannt als Turner-Syndrom mit einem weiblichen Phänotypus und einem weiblichen Identitätsgeschlecht ), und 47,XXY, das Klinefelter-Syndrom mit männlichem Phänotypus und meist männlichem Identitätsgeschlecht , sowie Mosaike mos45,X/46,XX, mos45,X/46,XY und den Chimerismus chi46,XX/46,XY. Das chromosomale Geschlecht ist die Basis aller weiteren Geschlechtsausprägungen.
  2. Gonadale Variationen : Fehlende (Agonadidsmus), ganz oder partiell zu sog. Streifengonaden nicht oder nur teilweise ausgebildete (Gonadendysgenesien), ovarielle und testikuläre Gewebeanteilen in entweder denselben (Ovotestes) oder getrennten Gonaden.
  3. Hormonelle Variationen : Auffällige Serumspiegel bei Geschlechtshormonen und deren Vorläufern, teils mit Folgen wie Gynäkomastie (Brustentwicklung bei Männern) oder Hirsutismus bei Frauen, teils aber auch die sexuelle Differenzierung insgesamt betreffend. Diese kann unterschiedliche Ursachen (chromosomale, gonadale und nephrologisch bedingte Varianten, Enzymdefekte) haben.
  4. Anatomische Variationen : von Syndromen mit unspezifischen Ursachen bis zu eher kulturell bedingten Einschätzungen (Grundlage des sozialen Geschlechts) wie "zu kleiner" Penis oder "zu große" Klitoris sind sehr viele Variationen bekannt.

Viele intersexuelle "Syndrome" bestehen nicht nur aus einer einzigen nachweisbaren Variation, sondern entstehen im Zusammenspiel mehrerer Faktoren, so zum Beispiel beim Androgen-Rezeptor-Defekt (AIS, Androgenresistenz ). Hier sind vollständiger AIS (CAIS, von complete AIS), partieller AIS (PAIS) und minimaler AIS (MAIS) zu unterscheiden. Bei vollständigem AIS (CAIS) entwickeln sich zum Beispiel bei einem Fötus mit XY-Chromosomen Hoden , die im Körper verbleiben können. Die Rezeptoren für Testosteron fehlen jedoch, so dass sich ein "weiblich aussehendes" äußeres Genital (allerdings ohne weibliche innere Organe) entwickelt; das Erziehungsgeschlecht ist dann meist weiblich. Intersexuelle Menschen mit CAIS werden - anders als bei PAIS - oft erst in der Pubertät auffällig. Bei weniger ausgeprägter Resistenz kommt es laut dem medizinischen Wörterbuch Pschyrembel Wörterbuch Sexualität zu unterschiedlichen Ausbildungen der männlichen Sexualorgane (Hypospadie; Kryptorchismus, Azoospermie ) und körperlicher Feminisierung (z. B. Gynäkomastie , siehe Reifensteinsyndrom).

Bei einem XY-chromosomalen Menschen mit Swyer-Syndrom mit Deletion des SRY sind auch Vagina und Uterus ausgebildet, in Gewebeproben findet sich allerdings kein Barrkörperchen, was bei jeder XX-chromosomalen Frau zu finden ist. Bei einem XY-chromosomalen Swyer-Syndrom ist also von einer männlichen Vagina und einem männlichen Uterus zu sprechen. Auch Menschen mit Swyer-Syndrom werden oft erst in der Pubertät auffällig.

Bei Menschen mit 5?-Reduktase-Mangel entwickelt der Körper erst ab der Pubertät ausreichende Mengen an Dihydrotestosteron, um ein männliches Genital auszubilden und sich zum fortpflanzungsfähigen Mann zu entwickeln.

Zu berücksichtigen ist auch das Vorhandensein einer Prostata bei fast allen XY-chromosomalen Menschen mit intersexuellen Syndromen.

Die Häufigkeit von Intersexualität wird äußerst unterschiedlich geschätzt - von 1:100 bis 1:2000. Um Intersexualität auszuschließen, ist eine ausführliche körperliche Untersuchung einschließlich Chromosomenanalyse notwendig.

Medizinische Geschlechtsfestlegung

Medizinische Geschlechtsfestlegungen umfassen vor allem geschlechtsangleichende Operationen (oder "chirurgische Anpassungen"). Dazu gehören die Anlage einer Neovagina im Kleinkindalter, die Beschneidung des Genitals auf eine eindeutige, meist weibliche Größe (insbesondere Klitoris verkleinerung ) oder die Kastration , letztere in der Regel mit anschließender contra-chromosomaler Hormonersatztherapie .

Eingriffe erfordern zum Teil langfristige Nachbehandlungen. Neben der Hormonersatztherapie betrifft das auch die Anlage einer Neovagina im Kleinkindalter, da sie noch mindestens bis zum Abschluss des körperlichen Wachstums gedehnt (bougiert) werden muss. Medizinische Spätfolgen bei alten intersexuellen Menschen sind bisher noch weitgehend unerforscht; so hat sich die Gerontologie beispielsweise noch nicht mit der Pflege einer Neovagina oder mit der Dosierung und Anwendung einer Hormonbehandlung contra- bzw. chromosomal auseinandergesetzt.

Geschlechtsfestlegungen können, abgesehen von der kurzfristigen Schmerzhaftigkeit der Eingriffe, auch mittel- und langfristig zu physischen und psychischen Komplikationen und dauerhaften Schäden führen. Viele intersexuelle Menschen haben aufgrund der schmerzhaften Eingriffe körperliche Schäden davongetragen - etwa wenn sie aufgrund einer Verkleinerung die Sensibilität der Klitoris verlieren, wenn vernarbte Stellen bei sexueller Erregung zu Schmerzen führen oder wenn schon bei Kleinkindern die angelegte Neovagina - zum Teil bis ins hohe Alter - bougiert werden muss. Auch werden durch die contra-chromosomale Hormontherapie oft multiple Stoffwechselstörungen hervorgerufen. Erschwerend kommt die bisherige Praxis hinzu, derzufolge die Betroffenen und deren Angehörige nicht über das chromosomale Geschlecht informiert wurden; dadurch werden den Betroffenen vielfach die Unterlagen (Aufbewahrungzeit 30 Jahre) vorenthalten, mit der Folge falscher medizinischer Behandlungen (z. B. weibliche Krankenkassenkarte trotz Kerngeschlecht xy-chromosomal). Zu den psychischen Schäden gehören starke Traumatisierungen durch die Operationen und ihre Folgen. Zudem sind die Reaktionen des auf eine Geschlechtsfestlegung dringenden sozialen Umfeldes und die Tabuisierung für Intersexuelle oft belastend (siehe soziale Aspekte).

Intersexuelle Aktivisten kritisieren aus diesen Gründen die Zwangsfestlegung insbesondere im Kindesalter und fordern, die Genitaloperationen erst dann durchzuführen, wenn der intersexuelle Mensch die Operation aus eigenem Willen möchte und ihr zustimmen kann. Einige Aktivisten setzen chirurgische Anpassungen im Kindesalter mit der (von den Aktivisten abgelehnten) Beschneidung weiblicher Genitalien gleich. Außerdem sei z. B. XY-chromosomalen intersexuellen Menschen eine adäquate Testosteron-Hormonsubstitution auf Wunsch angedeihen zu lassen.

Aufgrund von Protesten haben sich erste Anzeichen gezeigt, dass die Praxis der Geschlechtsfestlegungen sich ändert. Bei manchen Syndromen zeichnet sich eine Abkehr von der Zwangszuweisung und den damit verbundenen medizinischen Eingriffen ab.

Soziale Aspekte in westlichen Kulturen

Juristische Aspekte

Kulturelle Aspekte

Historische Aspekte

Intersexualität - Begriffe und Syndrome

In der Literatur

Einzelnachweise

Siehe auch

Weblinks

Verwandte Themen

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