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Wissenschaft und Homosexualität

Bei der wissenschaftlichen Betrachtung der Homosexualität (beispielsweise unter biologischen, evolutionären oder psychologischen Aspekten) ging es häufig immer um einen ähnlichen Fragenkomplex. Nach moderner Sichtweise erscheinen allerdings viele dieser Fragestellungen als diskriminierend:

  • Können besondere Faktoren ausgemacht werden, die zu Homosexualität beim Menschen führen?
  • Ist die Homosexualität bei allen homosexuellen Menschen, oder bei einem Teil, durch angeborene Faktoren bedingt?
  • Ist sie bei allen Homosexuellen oder bei einem Teil durch erworbene Faktoren bedingt?
  • Ist Homosexualität als Gesamterscheinung, oder aber bei einzelnen Homosexuellen als abnorm oder krankhaft einzustufen? Das würde auch bedeuten, dass eine Heilung - sofern möglich - sinnvoll wäre.
  • Kann Homosexualität auch das Ergebnis einer freien Willensentscheidung sein?

Welche Faktoren beim Einzelnen zu Homosexualität führen, lässt sich nicht sicher sagen; es werden zwar immer wieder körperliche oder psychische Faktoren entdeckt, diese ließen sich jedoch bisher in keinem Fall empirisch belegen.

Zum einen wird behauptet, dass die sexuelle Orientierung schon vor der Geburt angelegt ist. Eine andere Behauptung ist, dass sich Homosexualität erst durch gewisse Identifikationsprozesse in der frühen Kindheit oder auch besondere Abläufe in der Pubertätsphase oder auch später ausprägen würde. Außerdem werden Mischtheorien vertreten, die besagen, dass eine Kombination von beidem vorläge.

Der wissenschaftliche Streit über die Ursachen ist sehr alt. Solange jedes homosexuelle Verhalten strafbar war, waren die Argumentationen in diesem Streit oft von dem Bestreben geleitet, entweder die "Unausweichlichkeit" homosexuellen Verhaltens zu belegen und damit die Forderung nach dessen Straflosigkeit zu begründen oder aber es als freie Entscheidung für "moralischen Verfall" zu kennzeichnen, dem mit Bestrafung entgegengewirkt werden müsse.

Die einseitige Fragestellung nach Ursachen der Homosexualität ist diskriminierend; eine objektive Ursachen-Forschung müsste die Untersuchung der Ursache von Heterosexualität miteinschließen. So manche Untersuchung scheint nach dem Motto "Was ist falsch gelaufen?" vorzugehen: Bei der Interpretation von Ergebnissen werden die den Klischeevorstellungen entsprechenden Eigenschaften hervorgehoben ("Verweiblichung" homosexueller Männer bzw. "Vermännlichung" homosexueller Frauen); entsprechende Eigenschaften bei heterosexuellen Menschen werden hingegen unter den Tisch gekehrt.

In der Lesben- und Schwulenbewegung wird die Forschung nach Ursachen der Homosexualität oft kritisch gesehen, weil befürchtet wird, dass die Erforschung der Ursache dem Zweck dienen könne, als schwul beziehungsweise lesbisch vermutete Föten abzutreiben oder ggf. gentechnische Korrekturen vorzunehmen.

Eine fundierte Zusammenfassung und Kritik der aktuelleren Ansätze und Untersuchungen zur männlichen Homosexualität lieferte etwa Robert Allen Brookey 2002 mit seinem Band Reinventing the Male Homosexual. The Power and Rhetorics of the Gay Gene.

Homosexualität und Biologie - Homosexuelles Verhalten unter Tieren

Homosexuelles Verhalten kommt auch bei anderen Säugetieren und bei Vögeln vor. Bei ca. 1.500 Tierarten wurde gleichgeschlechtliches Verhalten festgestellt, ca. ein Drittel dieser Fälle ist gut dokumentiert. Es lässt sich beispielsweise unter den Bonobos beobachten, die nicht nur, was für Menschenaffen ungewöhnlich ist, über eine matriarchale Gesellschaftsstruktur verfügen, sondern auch eine vollständig bisexuelle Tierart sind. Obwohl das auch für die Männchen gilt, sind die Bonobos vor allem für ihren Lesbianismus bekannt.

Einige Trauerschwäne Australiens bilden darüber hinaus sexuell aktive männliche Paare, die entweder Nester stehlen oder zeitweilige Dreierbeziehungen mit Weibchen eingehen, um in den Besitz von Eiern zu gelangen. Sobald die Eier gelegt sind, wird das Weibchen vertrieben. Ihr gemeinsamer Nachwuchs erreicht das Erwachsenenalter dabei häufiger als derjenige von gemischtgeschlechtlichen Paaren.

Im Zoo von Bremerhaven leben momentan drei homosexuelle Paare von Pinguinen, die auch nach dem Import mehrerer schwedischer Pinguindamen ihre Beziehung fortsetzen. Die Ankündigung des Versuchs erregte vor allem durch die unsensible Wortwahl weltweites Aufsehen und Proteste.

Es gibt lesbische Große Tümmler, die bei ihren Geschlechtsgenossinnen ihre Schnauze als Dildos benutzen. Die Fachzeitschrift Nature dokumentiere im Oktober 2006 zwei männliche Giraffen beim erfolgreichen Versuch einer analen Penetration und zwei männliche Wale (Südkaper) mit erigierten Penissen "bei Sexspielen" ("engaged in sexual games").

Genetische Diskussion

In der Mitte des 20. Jahrhunderts untersuchte der Zwillingsforscher Franz Josef Kallmann menschliche Familien und insbesondere Zwillinge. Bei einer Stichprobe von 40 eineiigen und 45 zweieiigen männlichen Zwillingspaaren, von denen mindestens ein Bruder sich selbst als schwul bezeichnete, fand er heraus, dass bei 100 % der eineiigen Zwillinge der andere Bruder auch schwul war und dass bei den zweieiigen Zwillingen diese in diesem Punkt der allgemeinen männlichen Bevölkerung glichen. Andere wie Willhart S. Schlegel fanden ähnliche genetische Komponenten der sexuellen Orientierung, diese Arbeiten wurden jedoch in den 1960er Jahren abgelehnt, weil sie nicht dem damals herrschenden Zeitgeist entsprachen, der homosexuelle Handlungen mit Gesetzen verfolgte, die mit einer erblichen Veranlagung schwer vereinbar gewesen wären (vgl. auch).

1993 entdeckte der amerikanische Forscher Dean Hamer einen Bereich auf dem X-Chromosom, den er mit Homosexualität in Verbindung brachte. Es handelt sich dabei um einen so genannten genetischen Marker, der bei einem bestimmten Typ von Homosexualität etwas wahrscheinlicher vorkam als bei anderen. Die Annahme bestätigte sich zunächst, weil eineiige Zwillingsbrüder, die diesen Chromosomenabschnitt trugen, beide schwul waren.

Eine Nachuntersuchung des Jahres 1999 an 46 anderen eineiigen Zwillingsbrüderpaaren relativierte allerdings diese Ergebnisse, weil nur bei rund der Hälfte der diesmal untersuchten Zwillingspaare in beiden Fällen Homosexualität festgestellt wurde. Als Ergebnis bleibt jedoch, dass eineiige Zwillinge eine signifikant höhere Übereinstimmung in der sexuellen Orientierung haben als Menschen mit unterschiedlichem Erbgut.

Bei all diesen Untersuchungen ist jedoch zu beachten, dass durch die immer noch starke soziale Ächtung der Homosexualität eine vorhandene homosexuelle Neigung nicht sicher objektiv festgestellt werden kann. Probanden können dazu neigen, eine vorhandene homosexuelle Orientierung aus Scham zu verschweigen. Es kann außerdem sein, dass sie noch nicht ihr inneres Coming-out hatten und sich ihrer tatsächlichen sexuellen Orientierung noch gar nicht bewusst sind. Das führt dazu, dass die Zahl der homosexuellen Probanden in entsprechenden Studien regelmäßig geringer erscheint, als sie tatsächlich ist und so die Ergebnisse von Studien erheblich verfälscht werden. Dazu kommt, dass die Stichproben in allen diesen Studien nur sehr klein waren.

Es scheint so zu sein, dass es wahrscheinlich kein einzelnes Schwulen-Gen gibt. Andererseits kann als gesichert angenommen werden, dass eine genetische Disposition zur Homosexualität existiert. Wie groß der Einfluss der Gene tatsächlich ist, ist zwar noch unbekannt, es kann jedoch ausgeschlossen werden, dass die Gene keine Rolle spielen. Denkbar sind unter anderem eine Kombination von verschiedenen Erbfaktoren, eine Kombination von Erbfaktoren und hormoneller Prägung während der Schwangerschaft oder auch eine Kombination genetischer und sozialer Faktoren.

Andere Ursachen

Eine Theorie, die auf Forschungsarbeiten des deutschen Endokrinologen und Sexualwissenschaftlers Günter Dörner zurückgeht, ist, dass Stresshormone in der Schwangerschaft für Homosexualität verantwortlich sind. Bei männlichen Föten verhindern sie, dass deren Gehirn, das zunächst keine Unterschiede zu einem weiblichen hat, durch bestimmte Hormone ein männliches Geschlecht bekommt. Diese das Gehirn modifizierenden Hormone "vermännlichen" das Gehirn des männlichen Babys normalerweise in der Schwangerschaft in drei Phasen, von denen jede durch Stress gestört werden kann. Zur lesbischen Anlage findet sich eine analoge Aussage, nämlich, dass diese das Produkt von sehr "entspannten" Müttern sind, deren Vermännlichungshormone nicht durch Stress ausgeblieben sind.

Allerdings wenden Kritiker dieser und ähnlicher Theorien ein, dass es sich bei der Annahme, dass schwule Männer irgendwie "weiblicher" sein müssten als heterosexuelle, oder lesbische Frauen "männlicher", lediglich um ein heteronormatives Postulat handelt, welches keinesfalls bewiesen ist. Es erklärt ebenfalls nicht, warum schwule Männer einen anderen "verweiblichten" Mann über eine "vermännlichte" Frau als Partner bevorzugen sollten (siehe auch Straight acting).

1996 veröffentlichten Anthony Bogaert und Ray Blanchard von der Brock University in Kanada eine Untersuchung, wonach statistisch gesehen jüngere Brüder eher homosexuell werden als ältere Brüder. Nach ihren Daten steigt die Wahrscheinlichkeit der Homosexualität bei jedem weiteren männlichen Nachkommen um ein Drittel. In einer Nachfolgeuntersuchung konnte Bogaert zudem belegen, dass dieser Effekt nicht nachträglich durch familiäre Verhältnisse (zum Beispiel Adoption) beeinflusst wird, sondern ein rein biologischer Effekt ist. Bogaert vermutet, dass beim Tragen des ersten männlichen Kindes gewisse unbekannte biochemische Prozesse bei der Mutter getriggert werden, die sich bei jedem weiteren männlichen Nachkommen verstärken und zu diesem Effekt führen.

Evolutionstheoretischer und sozialer Nutzen der Homosexualität

In der Wissenschaft gibt es inzwischen Vorstellungen, dass Homosexualität der Arterhaltung dient, also auch im Sinn der Evolutionstheorie einen Nutzen hat, da sie dafür sorgt, dass sich eine größere Anzahl von Menschen um ein neugeborenes Kind kümmern kann. Berücksichtigt wird hierbei, dass homosexuell Veranlagte trotz biologischer Möglichkeit durchschnittlich weniger eigene Kinder zeugen als Heterosexuelle, dadurch jedoch ihre genetisch nah verwandten Neffen und Nichten mitversorgen können. Damit hätten letztlich auch ihre Gene eine Chance auf Fortbestand (siehe auch Das egoistische Gen).

Wissenschaftler der Universität Padua konnten darüber hinaus in einer Studie zeigen, dass dieselbe genetische Veranlagung, die bei männlichen Homosexuellen für deren sexuelle Orientierung verantwortlich ist, gleichzeitig auch deren weibliche Verwandte mütterlicherseits fruchtbarer macht. Der dadurch bei weiblichen Verwandten entstehende evolutionäre Vorteil könnte so die Durchsetzungsfähigkeit der genetischen Veranlagung für Homosexualität erhöhen.

Ein anderer Zugang zur Sexualitätsthematik ist die Frage, warum es überhaupt die Norm der Heterosexualität gibt und alles andere als Abweichung gesehen wird. In bestimmten Gender Studies wird analysiert, dass der Heterosexismus und Heteronormativität Grundpfeiler unserer Gesellschaft sind und die Homosexualität eine soziokulturelle Konstruktion darstellt.

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