Hajo Ortil

Hajo Ortil (* 10. Januar 1905; gest. 12. Juli 1983 in Bremen; eigentlich Hans-Joachim Oertel , auch Big Old Joe genannt) war ein Bremer Pädagoge, Fotograf und Autor. Er engagierte sich für die Freikörperkultur und verfasste viele Schriften zum Thema, die er selbst mit vielen Fotografien bebilderte.

Leben

Ortil wurde 1905 im Harz geboren und studierte Anglistik und Sport in Göttingen. Vermutlich hat er auch drei Jahre Anglistik in London studiert. Er promovierte 1934 in Göttingen und erwarb seinen Doktortitel mit einem philosophischen Thema über George Berkeley und die englische Literatur. Anschließend wurde er Lehrer für Englisch, Philosophie und Sport, konnte diesen Beruf aber erst 1945 in Bremen aufnehmen.

Unter dem Nationalsozialismus wurde er wegen seiner linken Sympathien in einem Konzentrationslager inhaftiert. Im Siegestaumel nach dem Fall Frankreichs ließen ihn die Machthaber 1940 mit vielen anderen zusammen frei. Er durfte seinen Beruf als Lehrer aber nicht ausüben und wurde 1941 vom Regime nach Wien geschickt wo er bis 1945 lebte. Er sollte dort für das Naziregime als Reporter Informationen über die Attacke des Gegners sammeln. Heimlich arbeitete er dort abends auch als Lehrer. Als er auf einer Skiwanderung mit seinen Wiener Schülern Soldaten der russischen Vorhut begegnete, hätten diese ihn beinahe als mutmaßlichen Spion erschossen. In Wien war er Mitglied eines Wiener Nudisten Vereins. Dort lernte er 1944 auch den deutschen Schriftsteller Herbert Rittlinger und durch ihn den Kanusport kennen.

Nach dem (Krieg) wollte man ihn zum Bürgermeister seiner Heimatstadt im Harz machen, dann sollte er Gymnasialdirektor werden. Aber er zog die Freiheit vor, die ihm eine gewöhnliche Studienratskarriere am Gymnasium gewährte und wurde Lehrer an der ehemaligen "Oberschule an der Dechanatstraße" in Bremen.

Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Hans Leip.

Von Rittlinger erhielt Ortil 1949 ein Klepper-"Blauwal"-Zweierfaltboot. Am 23. Juli 1949 starteten er sowie drei Jugendliche unter der Führung von Herbert Rittlinger und dessen Frau Marianne auf der Böhme bei Soltau zu einer Wasserwanderfahrt mit Faltbooten und Zelten. Die Fahrt führte weiter über Aller, Weser, Geeste, Hadelner Kanal bis an die Elbmündung bei Otterndorf. Ortil bezeichnete das genannte Datum als die Geburt der Hansischen Piraten . Im nächsten Jahr 1950 ging er mit Herbert Rittlinger und dessen Frau Marianne auf eine Faltboottour auf die Nordsee nach Lütje Hörn, südöstlich von Borkum. Über diese Fahrt berichtete Rittlinger in seinem Buch "Amphibische Reise"(F. A. Brockhaus Wiesbaden, 1958) auch ausführlich und mit Bild über seinen Freund Hajo Ortil.

Im Jahr 1950 übernahm Hajo Ortil das Amt des Vorsitzenden des Bremer FKK-Vereins "Bund für naturgemäße Lebensführung e.V." (BfnL). Neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender hatte er innerhalb dieses Vereins auch eine Jugendgruppe ins Leben gerufen, die "Hansischen Fluss- und Seepiraten". Diese waren eine gemischte Jungen- und Mädchengruppe, mit denen er mit Faltbooten und Zelten auf Kanuwanderfahrten ging. Jugendliche aus anderen Orten waren dabei auch gern gesehene Gäste. Von diesen 12 bis 18 jährigen Jugendlichen wurde Ortil "Big Old Joe" genannt. Die Piratengruppe waren die Keimzelle des "Kanusportring Bremen und Bremerhaven e.V."

Die Fahrtenchronik der Piraten und des Kanusportrings zählte Hunderte von Kurz-, Ferien- und Wochend-Fahrten auf den Zuflüssen der Weser, auf Heideflüssen und auf Ems und Hase. Am Wichtigsten waren aber die sommerliche Großfahrten von 1950 bis 1975 auf Flüssen und Seen und an Meeresküsten im In- und Ausland. Eine Ubersicht:

  • 1949 Die erste Reise mit drei Jugendlichen und Marianne und Herbert Rittlinger
  • 1950 über Ems und Hase. Reisebericht später (1964) in "Und Pan lebt doch!"
  • 1950 Über Hunte und Leda und Dollart nach Lütje Hörn
  • 1951 Rhone bis Les Saintes Maries de la Mer
  • 1952 Sylt
  • 1953 Korsika, Westküste. Reisebericht in "Wild und weit ist Korsika"
  • 1954 Dänemark, Umfahrung Bornholm. Reisebericht in "Amazonen in Sonne und Baltenwind"
  • 1955 Dalmatien, Hvar. Reisebericht in "Das Waldriff im Meer" und "Es brausen Bura und Maestral"
  • 1956 Griechenland. Reisebericht in "Olympiafahrt", "Hellas ewig unsere Liebe " und "Noch sprudeln die Quellen Arkadiens"
  • 1957 Sardinien, Nord- und Ostküste
  • 1958 Finnland. Reisebericht in "Mit Tim und Tanja in Finland"
  • 1959 Liparische Inseln und Stromboli, Reisebericht in "Zu den Inseln des Feuers"
  • 1959 Holland. Reisebericht in "Holland Ole! Eine lustige Piraterie"
  • 1960 Dänemark, Ise-Fjord
  • 1961 Ithaka und Kephallinia. Reisebericht in "Gäste des Odysseus"
  • 1962 Korsika, West- und Südküste bis Ajaccio
  • 1963 Spanien, Umrundung der Inseln Formentera und Ibiza
  • 1964 Agadische Inseln, Pantelleria, Liparische Inseln, Stromboli. Reisebericht in "Jugend am Start"
  • 1965 Sizilien, Kerkyra-Paxos-Antipaxos
  • 1966 Raubfischerküste des Pelion bis Volos
  • 1967 Jugoslawien, Nördliche Adria : Inseln Losini-Cres-Krk
  • 1968 Schweden, Schärenküste
  • 1969 Kleinasien, Erstbefahrung des Goksu (Türkei)
NB Reiseberichte von Paxos (1965), Krk (1967) und Goksu (1969) gibt es in dem Heft "Jugend ahoi, hinein in die Boote"
  • 1970 Schweden, Skagerrak Küste
  • 1971 Kleinasien, Erstbefahrung des Sakarva, Wildfluss Gogsu
  • 1972 Peloponnes (Insel Messenien) und Taygetos (Insel Mani)
  • 1973 Kleinasien, Wildfluss Malavgat und türkische Riviera
  • 1974 25-Jahre-Jubiläumsfahrt in Kleinasien, Troja, Euphrat.
  • 1975 Seine letzte Reise machte Ortil mit den "Seeadlern", einer ähnlichen Gruppe wie Ortils Piraten. Sie wurde geleitet von Dietmar Heybey, einem Lehrer aus Buxtehude. 1964 hatten Ortils Piraten und Heybeys Seeadler schon einmal eine Reise zusammen gemacht, damals nach Pantelleria.

In seinen, mit zahlreichen Fotos illustrierten Schriften schilderte Ortil den Kanusport seiner "Hansischen Piraten" mit Faltboot und Zelt in der idealen Verbindung mit dem Naturismus (FKK ). Die Bilder geben den Geist dieser Fahrten wieder. Das jugendgemäße Fahrterlebnis und gemeinsame Nacktsein heranwachsender Jungen und Mädchen, junger Frauen und junger Männer, dieser unverkrampfte Umgang miteinander, war in den prüden Jahren der Adenauerzeit schon etwas Besonderes. Die konservativ christliche Bundestagsmehrheit hatte durchgesetzt, dass Schriften, die mit Bild für Nacktkultur warben, als offensichtlich schwer jugendgefährdend eingestuft wurden. (Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften, § 6 Abs. 2. Abstimmung im Bundestag am 17.09.1952: CDU/CSU alle 123 Abgeordnete dafür, Zentrum und Bayernpartei 17 Abgeordnete dafür, SPD alle 101 Abgeordnete dagegen, FDP und Deutsche Partei mit Dafür- und Dagegegenstimmen.)

Es gab diese Veröffentlichungen auch auf Holländisch, Schwedisch, Englisch und Dänisch.

In dem Büchlein "Ziel und Weg der deutschen Freikörperkultur " (DFK Hannover 1964) befindet sich auf den Seiten 52 und 53 von Hajo Ortil der Beitrag "FKK-Wasserwandern". In dem Aufsatz sieht er sich und seine Hansischen Piraten in einer literarischen und praktischen Tradition im Wassersport, die von Carl J. Luther (Cil) über Ottomar Krupski und Walter Frentz und Werner Wrage zu Ortils Freund Herbert Rittlinger führt: "Mit unserem Amphibum (Bezeichnung der Piraten für Herbert Rittlinger ) kam ein großes Leuchten über das Kanuwandern. Etwas Poesie sozusagen. Und diesen poetischen Teil setzte ein gewisser Piratenführer namens Hajo Ortil fort, übrigens Verfasser dieses Artikels." Nach einer Aufzählung der vielen Fahrtziele seiner Piraten erwähnt Ortil, dass zur Zeit das FKK-Wasserwandern auch durch andere Personen (A. Siller, Diederichs, Heyde, Suchsland, Masalskis, Walter Bergmann, Bertold Riedmüller) in ganz Deutschland sehr in Gang gekommen sei. Das habe in der Folge zur Entstehung der DFK-Kanusportringe geführt, einer organisatorischen Verbindung des Deutschen Verbandes für Freikörperkultur (DFK) und des Deutschen Kanuverbandes (DKV). Ortils optimistischer Schluss seines Aufsatzes lautet: "Der Kanusport in der Freikörperkultur erlebt einen guten Aufschwung und hat eine noch bedeutendere Zukunft vor sich." Die DFK-Kanusportringe sind heute noch aktiv.

Hajo Ortil vermachte in seinem Testament (1981) seine sexualwissenschaftliche Bibliothek, Archive und das gesamte Fotomaterial seiner Piraten der Brongersma-Stiftung. Diese Stiftung des ihm bekannten niederländischen Abgeordneten Edward Brongersma, setzte sich im Anfang (1979-1992) für die Rechte gleichgeschlechtlicher Pädophilie und Päderastie ein. Nach dem Tod von Brongersma im Jahr 1998 wurde seine Stiftung fortgesetzt unter dem Namen "Fonds voor Wetenschappelijk Onderzoek Seksualiteit" (www.fondsseksualiteit.nl). Das Ziel seit 1992 ist die wissenschaftliche Erforschung der Sexualität Jugendlicher.

Brongersma und Ortil sind sich 1965 begegnet und waren seitdem sehr gut befreundet. Sie hatten gemeinsame Interessen, so z.B. Sammlungen erotischer Fotos von Jugendlichen, Reisen usw. Sie haben einander oft besucht und machten zusammen Reisen. Im Jahr 1968 sind sie zwei Monate unterwegs gewesen in Sizilien, Tunesien, Algerien, Marokko, Spanien, Portugal und Frankreich. Im Jahr darauf fuhren sie zusammen nach Troja (Türkei), das Ortil als großer Homer-Verehrer wenigstens einmal gesehen haben wollte.

Ortil ging im September 1967 als Gymnasiallehrer in der Ruhestand. Im Jahr 1975 hat er sich entschlossen wegen seines Alters und nachlassender Gesundheit die letzte Reise mit den Piraten zu machen.

Danach verbrachte er in seinem Bremer Haus die letzten Lebensjahre im Greisenalter und mit körperlichem Verfall. Einige seiner treuen Bremer Piraten und mehrere Piraten-Eltern haben ihm damals noch viel Trost und Hilfe geben können, bis er am 12. Juli 1983 starb.

Er ist einer von zwei Deutschen, deren Bilder 1964 im Fotoband The Boy, A Photographic Essay des US-amerikanischen Herausgebers Georges St. Martin verwendet wurden. Das Buch wurde vermutlich mindestens 1966 und 1967 neu aufgelegt und ist in 1966 auch auf Deutsch unter dem Titel Jungs bleiben Jungs! erschienen.

Veröffentlichungen, Reiseberichte von Hajo Ortil

Literatur

Weblinks

Verwandte Themen

Index: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel "Hajo Ortil" aus der freien Enzyklopädie Wikipedia (http://de.wikipedia.org) und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren über folgende Adresse verfügbar: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hajo+Ortil&action=history