Geschichte der Homosexualität in der Schweiz

Dieser Artikel befasst sich mit der Geschichte der Homosexualität bis zur Gegenwart und der Situation von Schwulen und Lesben in der Schweiz heute.

Geschichte

In der Zeit des antiken Römischen Reiches (Schweiz 1. Jh. v. Chr. - 5. Jh. n. Chr. ) herrschte ein anderes Konzept von Homosexualität . Frauen wurden keinerlei sexuelle Freiheiten zugestanden, folglich auch keine lesbische Sexualität . Sexuelle Aktivität wurde bei Männern positiv bewertet, egal ob mit einer Frau oder als aktiver Teil mit einem Mann . Männlichkeit wurde hoch bewertet. Passive Sexualität und Effeminiertheit wurde bei freien Männern jedoch abgelehnt und galt als abnorm, kam aber vor. Diese wurde Sklaven und Männern bis 18 Jahren vorbehalten. Das private Institut der Ehe und die rein private Zeremonie der Heirat stand auch Männerpaaren offen. Homosexualität im Heer kam vor. Bisexualität ist für den Römischen Kaiser Hadrian belegt.

Mit der Christianisierung der Schweiz ab dem 3. Jh. n. Chr. galt Sodomie , worunter damals vor allem die Homosexualität begriffen wurde, als eine von vielen Sünden. Die Sodomiterverfolgung und die Strafen für Sodomie nahmen allerdings in ganz Europa im 13. Jahrhundert erheblich zu. Für den Kanton Zürich ist bekannt, dass es zwischen 1400 bis 1798 zu insgesamt 179 Todesurteilen wegen Sodomie kam. Nach Eigentumsdelikten und Tötungsdelikten waren Sodomiedelikte der dritthäufigste Grund für eine Todesstrafe.

Helvetik

In der durch die Aufklärung und die Werte der Französischen Revolution geprägten Helvetik (1798-1803) wurde Homosexualität nicht verfolgt. Mit dem Ende der Helvetischen Republik ist Homosexualität in den meisten Kantonen wieder Offizialdelikt geworden und wurde mit bis zu mehreren Jahren Zuchthaus geahndet.

19. Jahrhundert - Liberale Vorkämpfer

Als erster Mensch der Neuzeit trat Heinrich Hössli , ein Tuchhändler aus Glarus, mit einem Werk an die Öffentlichkeit, um die Homosexualität zu verteidigen. In seinem zweibändigen Werk Eros. Die Männerliebe der Griechen - Glarus 1836 und St. Gallen 1838 stellte er, vom Liberalismus geprägt, die Forderung auf, dass die Anerkennung der Homosexualität ein Prüfstein für Demokratie und liberale Bürgerrechte sei.

Ausserhalb der Schweiz traten Mitte des 19. Jahrhunderts zwei liberale Vorkämpfer für die Rechte der Schwulen an die Öffentlichkeit und gaben der Homosexualität erstmals einen eigenen Namen. 1864 prägte Karl Heinrich Ulrichs aus dem Königreich Hannover den Begriff Uranismus , 1868 folgte Karl Maria Kertbeny aus Österreich-Ungarn mit seinem Begriff Homosexualität .

In den 1880er und 1890er Jahren sah sich Jakob Rudolf Forster aus Brunnadern SG (1853-1926) von den sankt-gallischen Behörden wegen seiner offen gelebten Homosexualität verfolgt. 1893 gelangte er sogar mit einer Eingabe an die Eidgenössischen Räte zur Beseitigung der Diskriminierung der Homosexuellen. Karl Heinrich Ulrichs wendete sich mit einem Begnadigungsgesuch für Forster an die Behörden St. Gallens.

20. Jahrhundert

Immer mehr Kantone behandeln Sodomie (Analsex ) nicht mehr als Offizialdelikt und verfolgen sie nur noch auf Antrag. Für eine Verurteilung muss der Straftatbestand durch Zeugenaussagen bewiesen werden. Dies führt zu einem drastischen Rückgang der Verurteilungen. Der Sprachgebrauch für den Begriff Sodomie verändert sich.

1930er Jahre: "Szene" entsteht"

In den 1930er Jahre entstehen über die Landesgrenzen hinaus bekannte Tanzklubs in Basel und Zürich. Europaweit ist aber immer noch Berlin die attraktivste Stadt für Schwule und Lesben. Das ändert sich schlagartig, als der Nationalsozialismus im Deutschen Reich losbricht.

Mehrere schweizerische Stadtpolizeien beginnen Homosexuellen-Register anzulegen, die sie durch Razzien an Treffpunkten füllten. 1931 gründeten einige Frauen in Zürich den Damen-Club Amicitia . Schon bald wurden auch Männer aufgenommen und seit 1932 brachte der Club das Freundschafts-Banner (ab 1933: Schweizerisches Freundschafts-Banner , 1937-1942 Menschenrecht heraus. Dieses ruft seine Leser immer wieder auf, gegen die Verleumdungen in der Presse vorzugehen und sich für eine Entkriminalisierung der Homosexualität einzusetzen.

1940er Jahre: Straffreiheit und Rückzug

1942, mitten im Krieg trat nach 24 Jahren Vorbereitung das Schweizerische Strafgesetzbuch in Kraft, das die Legalisierung einvernehmlicher homosexueller Handlungen zwischen Erwachsenen über 20 Jahren brachte. Somit war in der Schweiz ein erster Schritt zur Verwirklichung der Bürgerrechte gemacht.

Durch die Barbarei in Europa und die neue Freiheit in der Schweiz nahm die Bedeutung Zürichs als Europäische Schwulenmetropole zu.

Mit der Entkriminalisierung der Homosexualität wurde der kämpferische Ton der Zeitschrift Menschenrecht hinfällig. Der neue Herausgeber Karl Meier benannte die Zeitschrift in Der Kreis / Le Cercle / The Circle um, und machte aus ihr eine Kulturzeitschrift für Homophile. Die Zeitschrift richtete sich nun nur noch an Männer. Sein Club Der Kreis organisierte mehrmals jährlich Partys. Diese und die Zweimonatsschrift waren in ganz Europa bekannt.

1950er Jahre: "angepasst und versteckt"

Karl Meier war der Auffassung, dass nach der rechtlichen Anerkennung die gesellschaftliche noch Jahre dauern würde und dass Homosexuelle diese nur erreichen könnten, indem sie angepasst und unauffällig lebten. In Der Kreis erschienen denn auch in erster Linie erbauliche Texte auf Deutsch, Französisch und Englisch und künstlerische Männerfotos. Mitglieder und Abonnenten verkehrten untereinander auch nicht mit ihrem Namen, sondern mit Pseudonymen.

Dennoch hat Der Kreis die Entwicklung der Schwulenbewegung nach dem 2. Weltkrieg in ganz Europa beeinflusst, wenn nicht sogar inspiriert. In Deutschland: Kameradschaft «die runde» in Reutlingen, in Frankreich: Zeitschrift Arcadie, in den Niederlanden: "Cultuur- en Ontspannings Centrum" COC (existiert noch heute), in Dänemark: "Kredsen af 1948" und in den USA: "Mattachine Society "

1960er Jahre: Ende der Eiszeit

Ab 1960 wurde dem Club der Kreis sein Lokal gekündigt. Grossanlässe waren nicht mehr möglich. Auch wurde das Klima in einigen Ländern Europas liberaler. Abonnenten brachen weg. 1968 erschien die letzte Ausgabe des Kreis . 1967 gründeten jüngere Männer aus dem Umfeld des Kreis die neue Zeitschrift Club 68 , ab 1970: hey . 1970 wurde in diesem Umfeld die schweizerische Organisation der Homophilien SOH gegründet. Die SOH war der erste schwule Dachverband und galt als eher konservativ und angepasst. Vor allem linke und studentische Schwule konnte er nicht erreichen. Die Geschichte vom Freundschafts-Banner bis zur SOH wird auch als erste Schwulenbewegung bezeichnet.

1970er Jahre: Zweite, radikale Schwulenbewegung

Anfang der 1970er Jahre dringen erste Nachrichten über die schon 1969 stattgefundenen gewalttätigen Ausschreitungen von Schwulen gegen Polizeiwillkür nach Europa (Stonewall ). Dies mobilisiert insbesondere junge, linke Schwule. 1970 dreht Rosa von Praunheim seinen Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt ", der in der Folge auch an den Universitäten von Zürich, Basel und Bern gezeigt wird. Im Anschluss an die Filmvorführungen werden die homosexuellen Arbeitsgruppen in Zürich (HAZ ), Basel (erst HAB , dann HABS ) und Bern (HAB ) gegründet. Politisch stehen die HA-Gruppen den marxistisch-leninistischen PO-Gruppen nahe.

In Zürich schlossen sich 1973 Ledermänner zur Loge70 zusammen. 1974 gründeten die HA-Gruppen ihren ersten nationalen Dachverband, die Homosexuellen Arbeitsgruppen Schweiz (HACH) . Neben dieser langsam entstehenden Vielfalt bei den Gruppen nahm auch die Vielfalt im Szene-Angebot zu. Das gesellschaftliche Klima änderte sich merklich zugunsten der Homosexuellen. Grosse Arbeitgeber erliessen Anordnungen, dass Mitarbeiter nicht mehr aufgrund ihrer Homosexualität entlassen werden dürfen. Die Polizei führte aber immer noch ihre Homo-Register.

12. April 1978: Telearena zum Thema Homosexualität

Zum ersten Mal in der Geschichte des Schweizer Fernsehens war Homosexualität ein Thema. In der Sendung Telearena wurden verschiedene Spielszene gezeigt und dazwischen diskutierten Interessierte zum Teil hitzig über die gezeigten Fernsehberichte. Schwule und lesbische AktivistInnen aus der ganzen Deutschschweiz waren im Publikum und die wenigen Gegner der Homosexualität hatten kaum eine Bühne für ihre Thesen.

24. Juni 1978: Der erste Gay Pride der Schweiz

Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Schweiz (HACH) , die Schweizer Organisation der Homophilen (SOH) und die Homosexuelle Frauengruppe (HFG) organisierten auf dem Zürcher Platzspitz den ersten Christopher Street Day der Schweiz. Dabei wurden 5.500 Unterschriften für die Abschaffung des Homoregisters gesammelt. Begleitet von der Presse wurde die Vernichtung der Karteien erzwungen. Bern und Basel folgten.

1980er Jahre: Die Aids-Krise

Von 1979 bis 1982 organisierten Schwule und Lesben jährlich nationale Homosexuellen-Kundgebungen, die von massiver Polizeipräsenz geprägt waren. 1982 erreichten dann die ersten Nachrichten über Aids die Schweiz. "Schwulen-Krebs", "Schwulenseuche", GRID (Gay related Immunodefenca) waren die ersten Namen, die Aids erhielt. Weder wussten die Menschen zu dieser Zeit, wie Aids verursacht wurde, noch wie die Ansteckung erfolgte. Um dieser Herausforderung zu begegnen, gründeten sich 1984 die Schwulen Medizinmänner (ab 1997 Medi Gay ), die zusammen mit HAZ , SOH und dem Universitätsspital Zürich noch im selben Jahr die ersten Informationsveranstaltungen zu HIV und Aids durchführten.

1985 gründeten Loge 70 , alle HA-Gruppen , SOH zusammen mit dem Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) die Aids-Hilfe Schweiz (AHS) . 1986 wurde die von der AHS herausgegebene Aids-Broschüre an alle Haushalte der Schweiz verteilt. In der Folge konnte Aids weder besiegt noch eingedämmt werden, aber die Präventionskampagne der AHS ist die erfolgreichste Präventionskampagne der Schweiz. Benötigte die Paradontose-Kampagne ein halbes Jahrhundert um die Bevölkerung aufzuklären und das Verhalten massgeblich zu beeinflussen, erreichten die AHS und die kantonalen Aids-Hilfen dieses Ziel in einem Jahrzehnt.

Trotz des Leides, das durch HIV und Aids über viele Schweizer gebracht wurde, entstand daraus aber auch ein breites Verständnis für alternative Lebensformen in der Schweiz. Behörden und die Schwulenbewegung arbeiteten erfolgreich Hand in Hand.

1988: Ausstellung Männergeschichten

1988 fand in der Kulturwerkstatt Kaserne in Basel die Ausstellung Männergeschichten über Schwules Leben 1930-1980 in Basel statt. Dies war das erste Auftreten der Schwulenbewegung nach Beginn der Aids-Krise in der Öffentlichkeit. Die Bevölkerung begann Schwule auch ausserhalb des Themas Aids wahrzunehmen. Die Ausstellung war ein so grosser Erfolg, dass ein Überschuss erwirtschaftet wurde, mit dem die Stiftung Stonewall gegründet wurde, die heute alljährlich zum CSD in Zürich den CSD-Stonewall-Award für herausragende Leistungen für Schwule und Lesben vergibt.

1990er Jahre: "Schwuler Stolz"

Anfang der 1990er Jahre entstand in Zürich, Bern, Basel und Lausanne neben der kommerziellen Schwulenszene eine reiche Partyszene mit und neben der sich neu bildenden Technoszene. Der Anfang machte das GNC (Gay Night Company) im Zürcher Industriequartier. Kultstatus erreichte das Deposit , das nach dem Tod der Gründer schloss. Das Aera veranstaltete über ein Jahrzehnt monatliche Partys, das Labyrinth war anfänglich auch ein Untergrundclub mit monatlichen Partys, konnte sich aber dank seines Erfolges schnell etablieren und einen dauernden Wochenendbetrieb aufnehmen. Bis zu seiner Schliessung 2007 wegen Drogenfunden war es weit über die Schweizer Landesgrenzen hinaus bekannt.

1994 wird erstmals seit 1982 wieder ein CSD durchgeführt. Seit diesem Jahr findet er alljährlich in Zürich statt. Bundesräte richten regelmässig Grussadressen an die Teilnehmer. Unvergessen die Rede von Bundesrat Moritz Leuenberger mit: "Meine Damen und Damen. Meine Herren und Herren". Leuenberger sprach persönlich als Gastredner auf dem Helvetiaplatz.

Politisch ist das Jahrzehnt durch mehrere Gesetzesänderungen und dem Abstimmungskampf gegen die Referenden von evangelikaler Seite geprägt, die alle zugunsten homosexueller Menschen gewonnen wurden.

1995 gründeten die Schwulengruppen, die Betriebe der Schwulenszene und Private den Nationalen Dachverband Pink Cross . Die neu sehr geschlossen auftretende Schwulenbewegung konnte mit der durch die LOS - Lesbenorganisation der Schweiz vertretene Lesbenbewegung die Forderung nach Rechtsgleichheit von Hetero- und Homosexuellen effektiv umsetzen. Nationale Kundgebungen auf dem Bundesplatz in Bern für die Homoehe oder den Diskriminierungsschutz legten den Grundstein für den Erfolg dieser Anliegen.

21. Jahrhundert

2000er Jahre: Die Gegenwart

Die Ereignisse dieses Jahrzehntes werden wir erst mit zeitlichem Abstand würdigen können. Für Schwule und Lesben in der Schweiz ist die Einführung des Partnerschaftsgesetzes (siehe unten) und die beginnende rechtliche Gleichberechtigung und gesellschaftliche Akzeptanz in diesem Jahrzehnt zentral.

Politik

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Lesben- und Schwulenbewegung

Gesellschaftliche Situation

Szene und Kultur

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Christopher Street Day

Quellen

Weblinks

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