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Erektion: Gesellschaftliche Bedeutung

Um die männliche und zunehmend auch um die weibliche Erektion ranken sich etliche Mythen und Wertvorstellungen und somit auch Ängste, Wünsche, Vorurteile und Geheimnisse. Beispielsweise wird eine große und feste männliche Erektion als Zeugnis von Manneskraft und Potenz gesehen, worauf die Pharmaindustrie stets mit neuen Therapieversprechungen, Forschungen und Medikamenten reagiert. Andererseits wird von einem Mann oft erwartet, dass er seine Erektionen unter Kontrolle hat und diese somit beim Sex zu funktionieren hat, in nicht-sexuellen Situationen jedoch ausbleiben soll. Da es in der Pubertät und im jungen Erwachsenenalter zu einer vermehrten Ausschüttung der Geschlechtshormone kommt, kann es jedoch in sehr unterschiedlichen und nicht immer rein sexuell getönten Situationen zu ungewollten Erektionen kommen. Dabei schämen sich häufig die betreffenden männlichen Personen für ihre im Gegensatz zu denen bei Frauen oder Mädchen deutlich sichtbaren Erektionen, da sie sich unsicher bezüglich der Reaktionen ihrer Mitmenschen sind. Beispielsweise kann dies der Fall sein, wenn ein Jugendlicher beim gemeinsamen Duschen in der Schule oder im Sportverein eine offensichtliche Erektion bekommt. In verschiedener Literatur werden für solche Erektionen, die als unerwünscht betrachtet werden, Begriffe wie unwillkürliche Erektion oder spontane Erektion verwendet. Dies sind jedoch redundante Begriffe, da eine Erektion medizinisch betrachtet ein Reflex ist und somit immer unwillkürlich bzw. spontan geschieht. Um Rivalitäten und Missverständnisse, z. B. bezüglich einer Nebenbuhlerschaft zu vermeiden, verdecken die Männer in den meisten Kulturen ihren Penis, damit eine Erektion nicht sichtbar wird.

Leserbriefe in Jugendmagazinen und Beiträge in Internetforen belegen die Scham vor allem unaufgeklärter Jugendlicher bezüglich spontaner Erektionen und die Unsicherheit, ob diese auf bestimmte oder als abnorm empfundene sexuelle Veranlagungen hinweisen. In deutschen und US-amerikanischen Aufklärungsbüchern wird demgegenüber zumeist auf die hormonbedingte Häufigkeit und Spontaneität der Erektion hingewiesen und empfohlen, ihnen situationsbedingt mit Selbstbewusstsein zu begegnen, sie jedoch nicht absichtlich zur Schau zu stellen.

Historische Zeugnisse

Aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen finden sich Positionen zur Erektion, so schrieb Leonardo da Vinci über "das eigene Empfinden und einen vom Menschen unabhängigen Verstand" des Penis. Augustinus von Hippo führte gleichsam mit der sexuellen Lust auch explizit die Erektion auf den Sündenfall im Paradies zurück. Die Äußerung Jesu Christi gegenüber den Sadduzäern im Lukasevangelium (Kap. 20, Vers 35) kann auch übersetzt werden als Prophezeiung, die Engel würden nach ihrer Auferstehung von den Toten nicht länger von Erektionen und Libido heimgesucht werden.

Bei einigen im Alltag nackt gehenden "Naturvölkern" finden sich Zeugnisse über Vermeidungstechniken dieser oft mit Scham verbundenen Körperreaktion, so bei den Nambikwara und den Kwoma (Neuguinea), wo Knaben im frühen Alter die Kontrolle über die sichtbare Erektion durch Bestrafung und Beschämung beigebracht wird. Ebenso wenig toleriert die traditionelle Nudistenbewegung, zu deren Grundsätzen laut Richard Ungewitter die Abgrenzung von Nacktheit zur Erotik zählte, sichtbare Erektionen. Vielmehr sind diese meist mit Tabu und Ächtung belegt. In diesem Zusammenhang wird im vereinsgebundenen FKK oft auf die Scham der pubertierenden Knaben geachtet, so bereits 1923 bei der "Orthopädischen Nacktgymnastik" Adolf Kochs, wo die 10-14jährigen Mädchen nackt waren, die Knaben jedoch Badehosen trugen.

Auf vielen Gefäßmalereien der Moche-Kultur Alt-Perus wurde folgende Szene dargestellt: Ein Gefangener wird von einem Krieger an einem Strick geführt, der um seinen Hals gelegt und eng zugezogen ist. Durch das Strangulieren bekam der Gefangene eine Erektion, die er schamhaft mit der Hand zu verdecken versucht. Sehr wahrscheinlich war er für ein Zeremonienopfer vorgesehen.

Rezeption in den heutigen Medien

Im Jahre 2004 wurde der neuseeländische Schüler Mike Scherger eine Woche lang von der Schule suspendiert, nachdem er in seinem Aufsatz "Wie mein Körper mich verrät" das Phänomen einer sichtbaren, "unwillkürlichen" Erektion thematisierte. Eine andere Dimension erreichte das Thema bei den Misshandlungen irakischer Kriegsgefangener in Abu Ghraib, wo die Peiniger die Erektionen der Opfer verspotteten, die zu sexuellen Handlungen untereinander gezwungen wurden. Außerhalb des pornographischen Genres wird in den Medien eine sichtbare Erektion meist humoristisch bedacht.

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