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Der Zauberberg: Interpretation

Allgemeines

Der Zauberberg ist in gewissem Sinne eine Parodie auf den klassischen deutschen Bildungsroman. Wie dessen übliche Protagonisten verlässt Hans Castorp sein Vaterhaus und begegnet, im Sanatorium, Kunst, Politik und der Liebe. Besonders in den Gesprächen mit seinen Mentoren Settembrini und Naphta lernt er eine Reihe verschiedener Ideologien kennen. Anders jedoch als im klassischen Bildungsroman führt die "Erziehung" auf dem Zauberberg nicht dazu, Hans Castorp in ein tüchtiges und selbstbewusstes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zu wandeln. Vielmehr mündet sein persönlicher Entwicklungsprozess ins Leere, in die jede Individualität auflösenden Stahlgewitter des ersten Weltkriegs.

In viele Figuren wie z. B. Mynheer Peeperkorn sind aber auch ganz konkret groteske Elemente eingeflossen.

Zusammenhang mit "Der Tod in Venedig"

Nach Bekunden des Autors war der ursprünglich als Novelle konzipierte Zauberberg in der Tat als heiter-ironisches Gegenstück, als "Satyrspiel" zu der erst 1912 vollendeten Novelle "Der Tod in Venedig" gedacht. Ihre Atmosphäre sollte "die Mischung von Tod und Amüsement" sein, die Mann beim Besuch seiner Frau im Sanatorium kennengelernt hatte. "Die Faszination des Todes, der Triumph rauschhafter Unordnung über ein der höchsten Ordnung geweihtes Leben, die im Tod in Venedig geschildert ist, sollte auf eine humoristische Ebene übertragen werden."

Und so stellt der Zauberberg in vielerlei Hinsicht die Antithese zur genannten Novelle dar. Dem etablierten Schriftsteller Gustav von Aschenbach steht hier ein junger, lebensunerfahrener Ingenieur gegenüber. Dem schönen polnischen Knaben Tadzio entspricht die "asiatisch-schlaffe" Russin Madame Chauchat, der Cholera in Venedig schließlich die Tuberkulose im Sanatorium.

Zauber- und Bergsymbolik

Die Bezüge des Romans zu seinem Titel sind vielschichtig: Der "Zauberberg" als Ort der Entführung ist spätestens seit dem Rattenfänger von Hameln ein Motiv der deutschen Literatur. In Eichendorffs Erzählung Das Marmorbild wird gleich zu Anfang ausdrücklich vor dem "Zauberberg" gewarnt, in den "die Jugend" gelockt wird und von wo "keiner wieder zurückgekehrt ist". Die Geschichte selbst handelt explizit von der Verführungskraft des Verfalls in Form einer auf einer Anhöhe gelegenen Schlossruine, in der die Sinne (der Realitäts- wie der Zeitsinn) getäuscht werden.

Der Schauplatz der Handlung in Manns Roman, das Sanatorium Berghof, liegt nicht nur rein geographisch im Gebirge, sondern stellt auch, wie ein realer Berg, eine hermetisch abgeschlossene Welt für sich dar. Diese bildet überdies einen Gegensatz zu Castorps Heimat, dem nüchternen, geschäftlichen und (im Falle Joachim Ziemßens) tödlichen "Flachland".

Zum Blocksberg, wo sich im ersten Teil von Goethes Faust Hexen und Zauberer zu einem obszön-höllischen Fest treffen, wird das Sanatorium in jener grotesken mit "Walpurgisnacht" überschriebenen Karnevalsszene, während der Castorp Madame Chauchat seine Liebe gesteht.

Des Weiteren gemahnt das Sanatorium an den Venusberg, einen verbreiteten, nicht zuletzt aus Richard Wagners Oper Tannhäuser bekannten Topos der deutschen Literatur, eine Art "höllisches Paradies", einen Ort der Wollust und Zügellosigkeit. Dort verläuft die Zeit anders: Der Besucher glaubt, im Venusberg nur wenige Stunden verbracht zu haben. Hat er aus ihm aber herausgefunden, so sind sieben Jahre vergangen. Auch Castorp geraten die ursprünglich geplanten drei Berghof-Wochen letztlich zu sieben Jahren.

Aber auch sonst sind Anspielungen auf Märchen und Mythologie allgegenwärtig: Settembrini vergleicht Hofrat Behrens mit dem Totenrichter Rhadamanthys und das Sanatorium Berghof mit dem Schattenreich, in dem Hans Castorp wie ein Odysseus hospitiert. Mit dem Schneetraum in dem Kapitel "Schnee" greift Thomas Mann den Nekyia-Mythos auf, die Hadesfahrt. Nach seiner Rückkehr vom Hades ist Hans Castorp vorübergehend in der Lage, tiefgreifende Schlussfolgerungen zu ziehen. - Behrens vergleicht die Vettern mit Castor und Pollux, Settembrini sich selbst mit Prometheus. - Die ungebildete Frau Stöhr bringt, wenngleich verwechselnd, Sisyphos und Tantalus ins Spiel.

Die üppigen Krankenmahlzeiten werden mit dem Tischlein-Deck-Dich aus dem Märchen verglichen, Frau Engelharts hartnäckige Suche nach Madame Chauchats Vornamen erinnert an die Königstochter im Rumpelstilzchen. Castorp trägt nicht nur den Vornamen der Märchenfigur Hans im Glück, sondern teilt auch dessen frohgemute Naivität. Am Ende verliert er wie dieser den Lohn von sieben Jahren, endet sein vielschichtiger Reifeprozess auf dem Zauberberg doch in dem sinnlosen Tod auf dem Schlachtfeld. Schließlich klingt natürlich auch das Siebenschläfer-Motiv an.

Selbst der Verkauf des Thermometers durch die Oberin gerät zum Initiationsritus, der Castorp endgültig in die verschworene Gemeinschaft der Berghof-Bewohner aufnimmt. Sogar der Name der Oberin Adriatica von Mylendonk scheint einer anderen Welt zu entstammen. "Mein Herr, hier mutet Manches mittelalterlich an.", meint Settembrini hierzu.

Wie ein roter Faden durchzieht den in sieben Teile gegliederten Roman die Märchen-Zahl Sieben. Sieben Jahre verbringt Castorp auf dem Berghof; der groteske Karneval, ein Höhepunkt des Romans, findet nach sieben Monaten statt. Weiter taucht die Zauberzahl in den jeweils sieben Buchstaben langen Nachnamen der Vettern auf, in der Zahl der Tische im Speisesaal sowie als Quersumme in Castorps Zimmernummer 34. Settembrinis Name enthält die Zahl auf italienisch. Joachim Ziemßen stirbt um sieben Uhr. Als Mynheer Peeperkorn seinen Entschluss zum Suizid in einer pathetischen Zeremonie besiegelt, sind sieben Personen zugegen.

Krankheit und Tod

Krankheit und Tod sind in dem Roman allgegenwärtig. Nahezu alle Protagonisten leiden in unterschiedlichem Maße an Tuberkulose, die auch den Tagesablauf, die Gedanken und Gespräche beherrscht ("Verein Halbe Lunge"). Immer wieder sterben auch Patienten an der Krankheit, wie etwa Barbara Hujus, die dem Leser durch die düstere Viatikum-Szene im Gedächtnis bleibt, oder Vetter Ziemßen, der "heroisch" wie ein antiker Held aus dem Leben scheidet. In den Gesprächen mit Settembrini und Naphta wird die Todesthematik schließlich auf eher metaphysischer Ebene disputiert. Neben die krankheitsbedingten Todesfälle treten schließlich mehrere Suizide (Peeperkorn, Naphta), ehe der Roman schließlich in einem mörderischen Krieg endet, dem "Weltfest des Todes".

Zum Tod und zur Krankheit in seinem Roman kommentiert Thomas Mann: "Was er (gemeint ist Castorp) begreifen lernt, ist, daß alle höhere Gesundheit durch die tiefen Erfahrungen von Krankheit und Tod hindurchgegangen sein muß (...). Zum Leben, sagt einmal Hans Castorp zu Madame Chauchat, zum Leben gibt es zwei Wege: der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg. Diese Auffassung von Krankheit und Tod, als eines notwendigen Durchganges zum Wissen, zur Gesundheit und zum Leben, macht den Zauberberg zu einem Initiationsroman."

Zeit

Verwoben mit der Leben/Tod-Thematik ist der Begriff der Zeit, ein weiteres zentrales Motiv im Zauberberg. Obwohl der Roman chronologisch aufgebaut ist, verläuft die Handlung nicht in gleichmäßiger Geschwindigkeit, sondern beschleunigt zunehmend. Die ersten fünf Kapitel, etwa die Hälfte des Textes, beschreiben zeitdehnend und detailreich lediglich das erste von Castorps sieben Zauberbergjahren, das dem Protagonisten täglich Neues, Interessantes bringt.

Die letzten beiden Kapitel drängen, raffen und verdichten indes einen Zeitraum von sechs für Castorp eher von Routine und Monotonie geprägten Jahren. Der Asymmetrie im Romanaufbau entspricht auf der Erzählebene selbst einer verzerrte Zeitwahrnehmung durch den Protagonisten selbst.

Schließlich wird im Roman fortwährend über das Phänomen der Zeit auch auf theoretischer Ebene diskutiert: Über die Frage etwa, inwieweit "Interessantheit und Neuheit des Gehalts die Zeit vertreibe, das heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang beschwere und hemme" (kurzfristig). Erörtert wird auch das Problem der "Erzählbarkeit" von Zeit, des Zusammenhangs zwischen der Dauer eines Berichts und der Länge des Zeitraums, auf den er sich bezieht (Erzählzeit, erzählte Zeit).

Erotik

Der Protagonist Hans Castorp teilt die bisexuelle Orientierung seines Autors. So liebt er einerseits emphatisch die Russin Clawdia Chauchat. Seine homoerotische Ausrichtung kommt indes in seiner Neigung zu seinem Jugendfreund P?ibislav Hippe zum Ausdruck, aber auch in der Faszination, die der lebenskräftige Weltmensch Peeperkorn auf Castorp ausübt. Verbunden werden die beiden Aspekte seiner Sexualität durch das Symbol des Bleistifts: Sowohl von P?ibislav als auch von Clawdia borgt er sich einen "Crayon". Während dieser "dünn und zerbrechlich ist", erinnert der seines Schulfreundes, für den pubertierenden Castorp geradezu eine verehrte Reliquie, in Größe und Gestalt erkennbar an den Penis.

Im Laufe des Romans wird die Thematik vielfach ironisch gebrochen. In den Liebesschwüren Castorps auf dem Karneval, die keineswegs frei von Komik sind. In den Röntgenbildern, die Hofrat Behrens Castorp zu "Studienzwecken" zeigt, "ein Frauenarm, Sie ersehen es aus seiner Niedlichkeit. Damit umfangen sie uns beim Schäferstündchen". Schließlich in der seltsamen Dreierbeziehung, die Castorp und Clawdia zu gemeinsamen Verehrern Peeperkorns werden lässt. Nicht zu vergessen die homoerotische Beziehung zwischen Castorp und Settembrini, erstmals referenziert durch Naphta, als Settembrini Castorps Bewunderung für Peeperkorn mit der Bemerkung kommentiert, dass dieser ihm doch bereits seine Clawdia weggenommen habe, und fragt ihn, warum er dagegen nichts unternehme. Naphta erinnert Settembrini daran, dass auch der Angesprochene selbst bisher nichts gegen Clawdia und Peeperkorn unternommen habe, die seiner und Naphtas Beziehung zu Castorp im Grunde nur hinderlich sind. Nach der Duell-Aufforderung Naphtas fährt Hans Castorp mit S. in einem Pferdeschlitten und hält dessen Hand. Er umarmt ihn vor dem ersten Schusswechsel, den S. bewusst fehlorientiert, und S. sagt ihm mit verzücktem Gesichtsausdruck "ti amo". Mit Beginn der Schlittenfahrt ändert sich auch die wechselseitige Anredeform vom förmlichen "Sie" zum vertrauten "Du". Auch das homoerotische Interesse Fräulein Engelharts an Mme Chauchat sollte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Fräulein E. solidarisiert sich mit Castorp in der gemeinsamen Verehrung der Angebeteten, um solcherart quasi als Trittbrettfahrerin einer realistischeren Beziehung teilhaftig zu werden. Während des Karnevals sucht Frl. Engelhart die Nähe Castorps, auf dass der Blick Clawdias, der Castorp wahrnimmt, gleichzeitig auch auf sie fällt.

Musik

Wie so oft bei Thomas Mann - etwa in den Buddenbrooks oder ganz besonders in Doktor Faustus - spielt auch im Zauberberg die Musik eine entscheidende Rolle. Die Musik steht hier für die von Hans Castorp letztlich überwundene "Sympathie mit dem Tod" (eine Formulierung des Komponisten Hans Pfitzner, die Thomas Mann oft aufgriff). In dem Kapitel "Fülle des Wohllauts" bespricht Thomas Mann eingehend fünf Musikstücke: Giuseppe Verdis Aida, Claude Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune, Georges Bizets Carmen, Charles Gounods Faust (Margarete) und Franz Schuberts Am Brunnen vor dem Tore. Vor allem das zuletzt genannte Lied wird für Thomas Mann zum Inbegriff romantischer Todessehnsucht, deren Überwindung letztlich das große Thema des Zauberberg ist. Nicht umsonst summt Hans Castorp in der Schlussszene des Buchs, auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, den Lindenbaum vor sich hin. Hier wird der romantische Todeskult, wie er sich etwa in Richard Wagners - von Thomas Mann sehr geschätzter - Oper Tristan und Isolde findet, drastisch parodiert.

Figuren

Zahlreiche Zeitströmungen finden sich in bestimmten Figuren des vielschichtigen Zauberberg-Kosmos verkörpert.

Castorp

Hans Castorp, nach des Autors eigenem Bekunden ein "Gralssucher" in der Tradition Parzivals, ein "reiner Tor", bleibt im Grunde relativ blass und mittelmäßig gezeichnet. Er steht für das deutsche Bürgertum, das sich, zwischen widersprüchlichen Einflüssen hin- und hergerissen, zu höchsten humanistischen Leistungen aufschwingen kann, aber auch dumpf-philiströser Kulturfeindlichkeit ebenso anheimfallen wie radikaler Ideologie. Wie bei Thomas Mann üblich verbirgt sich hinter der Namenswahl auch hier eine tiefere Bedeutung. "Hans" steht einerseits für den deutschen Allerweltsnamen schlechthin. Viele Märchenfiguren tragen ebenfalls diesen Namen, wie etwa der bereits erwähnte Hans im Glück. Wichtig ist zudem die biblische Konnotation: Hans als Kurzform von Johannes verweist auf den Lieblingsjünger Jesu sowie den Evangelisten, dem die Offenbarung zuteil wird. Die auf Castorp wirkenden Einflüsse werden durch weitere Hauptfiguren des Werks vertreten:

Settembrini

So repräsentiert Settembrini etwa die bürgerlichen Wertordnungen, die lebensbejahende Welt der Arbeit und des tätigen Schaffens. Deutlich wird dies etwa, soweit er Castorps Hang zur Morbidität entgegenwirkt, vor seiner Liebe zur kranken Madame Chauchat warnt und versucht, seinem Schützling positive Lebensperspektiven aufzuzeigen. Auch vertritt er mit Humanismus und Demokratie, mit Aufklärung, Toleranz und Menschenrechten ein positives kulturpolitisches Programm. Bei aller Anlage zum Guten ist Settembrini dennoch innerlich voller Widersprüche und mitunter einer extremen Ambivalenz unterworfen, zeigt er sich doch gelegentlich als kriegslüsterner Nationalist und unverhohlener Rassist, der seine Gewaltverherrlichung des öfteren in pathetische Revolutionsrhetorik kleidet. Symbolisch kommt Settembrinis "aufklärende" und damit "erhellende" Funktion darin zum Ausdruck, dass er Castorp zumeist im Dunkeln vorfindet, vor dem Gespräch aber das Licht anknipst. Sein verehrter Lehrmeister Carducci hat gar eine Hymne auf einen anderen, negativen Lichtbringer geschrieben: Auf Luzifer, "la forza vindice della ragione". Sich selbst vergleicht er mit Prometheus, der Gestalt aus der griechischen Mythologie, die den Menschen das Feuer und damit Erleuchtung gebracht hat. Von seinem Gegenspieler Naphta wird Settembrini als "Zivilisationsliterat" verspottet. Tatsächlich ist die Figur ursprünglich auch als Karikatur des westlich orientierten, liberal-demokratischen Schriftstellertyps, wie ihn etwa Thomas Manns Bruder Heinrich verkörperte, angelegt worden. Parallel zur Entstehungsgeschichte des Romans vollzog sich die Hinwendung des Autors zur demonstrativen Bejahung der demokratischen Weimarer Republik. Aus diesem Grund darf angenommen werden, dass die Figur Settembrinis - insbesondere in den späteren Kapiteln - bisweilen zum Sprachrohr des Autors Thomas Mann wird. Die äußere Erscheinung Settembrinis orientiert sich am italienischen Komponisten Ruggiero Leoncavallo.

Naphta

Naphta indes steht für die zersetzenden Kräfte, den Extremismus von beiden Seiten, wie er sich in der Weimarer Republik zunehmend etablieren konnte, für die Selbstzerstörung, die in ein totalitäres System führen sollten. Sein heterogen aus radikal-ideologischen Versatzstücken aller Art geformtes Weltbild trägt ebenso kommunistische, anarchistische wie faschistoide Züge. In dem Sinne ist seine Religiosität nicht nur christlich, sondern beispielsweise auch pantheistisch orientiert. Zentrale Werte werden durch brillant-kalte Intelligenz und sophistische Rhetorik ihres Sinnes entkleidet und ad absurdum geführt, "als wollte er wahrhaben, dass sich die Sonne um die Erde drehe". Naphta verkörpert letztlich eine anti-humane, anti-aufklärerische Gedankenwelt. Naphta konkurriert mit Settembrini um die Gunst ihres wissbegierigen Schülers Hans Castorp. Letzterer erkennt an, dass die ätzende Rabulistik in den Wortgefechten zumeist obsiegt. Der Streit der beiden unversöhnlich gegeneinander stehenden Weltanschauungen eskaliert schließlich in einem Pistolenduell. Zuvor jedoch, im Schneekapitel, als er seine beiden Mentoren als "Schwätzer" entlarvt, hat der umkämpfte Hans Castorp zugunsten Settembrinis eingestanden, dass jener es immerhin gut meine. Es ist gewiss kein Zufall, dass Naphta in Thomas Manns ursprünglicher Romankonzeption nicht vorgesehen war, sondern erst später eingearbeitet wurde. Als mögliche Vorbilder für die Figur werden eine Reihe radikaler Persönlichkeiten der Epoche genannt, u.a. Leo Trotzki und Georg Lukács. Bemerkenswert ist, dass Thomas Mann (prä-)faschistisches, antihumanes Gedankengut ausgerechnet von einem Juden vertreten lässt - wie übrigens später auch im Doktor Faustus, wo faschistisches Denken durch den Juden Dr. Chaim Breisacher repräsentiert wird.

Clawdia Chauchat

Clawdia Chauchat verkörpert im Roman die erotische Verführung, wenn auch in ihrer morbiden, zu "asiatischer Schlaffheit" degenerierten Form. Nicht zuletzt sie ist es, die Castorp länger als geplant auf dem Zauberberg verweilen lässt. Sinneslust, die männlichen Tatendrang hemmt - die Liste literarischer Vorbilder reicht von Circe bis hin zu den Nymphen in Wagners Venusberg. Auffallend erscheint die vielfach zum Ausdruck kommende, an Baudelaires berühmtes Gedicht in den Fleurs du mal erinnernde Katzen-Symbolik: Als "kirgisenäugig" wird die Russin bezeichnet, ihr Nachname erinnert an das französische chaud chat, "heiße Katze". Im Vornamen tauchen Krallen auf, englisch claws genannt. In der Figur der Clawdia soll Thomas Mann eine Mitpatientin seiner Frau namens Clawelia literarisch verarbeitet haben.

Mynheer Peeperkorn

Der erst relativ spät auftretende Mynheer Peeperkorn, der neue Partner von Madame Chauchat, zählt zu den markantesten Figuren des Romans. Von Settembrini als "dummer alter Mann" geschmäht, erinnert er erkennbar an jene zwiespältigen Figuren aus Manns früheren Werken, denen der Autor bzw. sein jeweiliger Protagonist ob ihrer naiv-vitalen Kraft Bewunderung, Neid und Verachtung gleichermaßen entgegenbringt. Zu nennen sind insbesondere Herr Klöterjahn aus der Novelle "Tristan" sowie Tonio Krögers lebenskräftiger Freund Hans Hansen. Während diese aber nüchtern und sachlich dargestellt werden, trägt Peeperkorn mit seinem kruden Vitalitätskult groteske Züge. Er gerät zur Karikatur des Dionysischen. Seinen Kontrast verkörpert Joachim Ziemßen, dem jeglicher dionysische Wesenszug fehlt. Peeperkorn und Ziemßen gehen letztlich an ihrer Einseitigkeit zugrunde - nicht jedoch der "mittelmäßige" Hans Castorp. Im Laufe seines Aufenthalts auf dem Zauberberg gelingt es ihm, die Gegensätze apollinisch und dionysisch zu bewältigen.

Äußere Erscheinung und Wesenszüge Peeperkorns sind angelehnt an den älteren Gerhart Hauptmann, daneben trägt er aber auch einige von Thomas Mann kritisch bewertete Züge Goethes.

Joachim Ziemßen

Vetter Joachim Ziemßen schließlich erscheint als Vertreter der soldatisch-treuen Pflichterfüllung. Eine Figur, die sich - wenn auch nur vordergründig - den Herausforderungen des Lebens stellt und ihnen durch aktives Tätigwerden zu begegnen sucht. Trotz der vermeintlichen Andersartigkeit besteht zwischen Joachim und seinem Vetter Hans durchaus eine Seelenverwandtschaft. Hofrat Behrens spielt darauf an, wenn er die Vettern scherzhaft Castor und Pollux nennt. Zwischen beiden herrscht beredtes Schweigen - wichtig ist gerade das, was nicht offen gesagt wird. Parallel laufen auch die Liebesgeschichten der beiden Cousins ab. Während aber Hans sich allzu bereitwillig in den Rausch seiner Verliebtheit in Madame Chauchat ergibt, versagt sich Joachim, selbst heftig der ebenfalls russischen Mitpatientin Marusja verfallen, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Stattdessen setzt er, der ähnlich wie sein Vetter Gefährdete, willentlich alles daran, den hermetischen Mikrokosmos des Zauberbergs und seine körperliche, vor allem aber geistige Morbidität zu verlassen - um jedoch moribund zurückzukehren. Mit seinem stets tadellosen Benehmen und der ruhigen, zurückhaltenden Art gewinnt Joachim von Beginn an die Sympathie des Lesers für sich. Entsprechend anrührend ist das Kapitel "Als Soldat und brav" (eine Zeile aus Goethes Faust zitierend), welches seine resignative Rückkehr, sein stilles Leid und gefasstes Sterben schildert. Die Figur des "braven Joachim" weckt Anklänge an das in Thomas Manns Werken wiederholt aufgegriffene Motiv des heiligen Sebastian. Die Entschlossenheit, ein schweres Schicksal in Würde zu ertragen, erinnert an weitere bekannte Leistungsethiker wie Gustav Aschenbach oder Thomas Buddenbrook, die letztlich ebenso wie Joachim an ihrer selbstauferlegten Starre scheitern.

Weitere Figuren

Klinikleiter Hofrat Behrens trägt Züge des Dr. Jessen, jenes Mediziners, der seinerzeit Manns Frau Katia behandelt hatte. Vom Autor wird er wenig schmeichelhaft porträtiert, als "stiernackig (...) mit vorquellenden, blutunterlaufenen Augen, blauen Backen, Stumpfnase und riesigen Händen und Füßen". Geredet haben soll er wie "die Karikatur eines forschen Korpsstudenten". Karikiert wird insbesondere auch Jessens Neigung, aus wirtschaftlichem Interesse den Patienten medizinisch nicht indizierte Verlängerungen ihres Aufenthalts anzuraten. Den Besucher Thomas Mann selbst etwa hatte der Mediziner seinerzeit wegen eines harmlos-lästigen Katarrhs ein halbes Jahr in der Klinik behalten wollen.

Hinter Dr. Krokowski wird der Psychoanalytiker Georg Groddeck vermutet, der auch als Wegbereiter der Psychosomatik gilt. In seinem Sanatorium Marienhöhe bei Baden-Baden hatte er ab 1912 Vorträge gehalten, in denen er in ähnlicher Weise Zusammenhänge zwischen Liebe und Krankheit herstellt, wie dies Dr. Krokowski auf dem Berghof tut. Seine Thesen hat er insbesondere auch in dem 1913 veröffentlichten Werk "Nasamecu" (natura sanat - medicus curat) niedergelegt. Auch fällt natürlich schon rein äußerlich der lautliche Anklang "Kro"-"Gro" auf.

Pate gestanden für die ungebildete, ordinäre Frau Stöhr, die etwa "desinfiszieren" statt "desinfizieren" sagt und "kosmisch" mit "kosmetisch" verwechselt, hat eine gewisse Frau Plür, eine von Katias Mitpatientinnen.

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