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Zurück zum Haupttext "Der Ursprung der Welt" Der Ursprung der Welt: Relation von Titel und Bild"Der Ursprung der Welt" als Bildbezeichnung verweist auf die Doppelnatur des weiblichen Geschlechtsorgans: einerseits als Objekt der sexuellen Begierde und Eingang der Vereinigung, andererseits als Ausgang der Geburt, von wo aus jedes Kind zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Insofern ist der Unterleib der Frau der Ursprungsort des Menschen, der jegliche Welterfahrung erst möglich macht. In diesem übertragenen Sinn stellt das Bild den "Ursprung" alles Existierens, Wahrnehmens und Gestaltens der menschlichen Welt dar. Der Titel wurde vielfach als metaphysische Anspielung aufgefasst. Der Mensch ist in dieser Perspektive der Ursprung der geordneten "Welt" (monde), im Gegensatz zu der wilden Ursprünglichkeit der "Erde" (terre). Ist der Mensch Daseinsgrund eines die "Erde" transzendierenden und beherrschenden Netzes von sozialen Ordnungen und Ortungen, so ist der weibliche Schoß im Wortsinn der "Ursprung der Welt". Die "Polarität von Welt und Erde" diente der deutschen Mystik als Manifestation des Gegensatzes von "Geistig-Seelischem" und "Physisch-Materiellem". Die Welt gründet sich auf die Erde und die Erde durchragt die Welt. Der Begriff "Welt" steht dabei für die "Unverborgenheit des Seienden" (Aletheia). "Erde" ist das "zu nichts gedrängte Hervorkommen" des "ständig Sichverschließenden und Bergenden". Diesen "Streit zwischen Welt und Erde", den Heidegger 1936 als "Ursprung des Kunstwerks" bezeichnen sollte, scheint hier bereits angelegt. Die "Welt" gilt als Daseinsgrund von "Wahrheit" und "Wirklichkeit", der Mensch erscheint somit als deren "Ursprung". Auch auf die Unverborgenheit des Seienden und Werdenden im Sinne der Aletheia (griech. Wahrheit) könnte die Explizitheit der Darstellung anspielen. Solche verborgenen Motive und Referenzen waren es, die Courbet interessant für die Psychoanalyse machte. Der Doppelcharakter des "Ursprungs" - einerseits als Ziel aller Sehnsucht, andererseits als Beginn des Lebens - kommt z. B. in einem Gedicht von Hans Arnfrid Astel über das Motiv zum Ausdruck, das er Courbet und Lacan zugleich widmet: "L'ORIGINE DU MONDE (November 1996) für Courbet & Lacan Die Innenlippen blinzeln aus den äußern. Im Lebenswasser spiegelt sich das Land, lachendes Ufer aller Landungswünsche. Hier springt die Welt zur Welt bei der Geburt, nachdem zuvor die Welt zur Welt gedrungen." Die Enthüllung des weiblichen Schoßes als Ursprung der Welt lässt sich in mehrere Richtungen ausdeuten: Bild und Titel können als Erinnerung an den Urzustand vor dem "Sündenfall", als Adam und Eva nackt waren, ohne sich dafür zu schämen, aufgefasst werden. Nach dieser Lesart will Courbet dem Betrachter den Sinn seiner Menschlichkeit, sein triebhaftes Angewiesensein auf den Anderen, wieder nahe bringen. Die Vulva als Enthüllung des Ursprungs aller Dinge kann wiederum große Verehrung für die unverstellte Sexualität ausdrücken. In direkter Schlichtheit wird der Betrachter auf das Wesentliche hingewiesen: Der Zustand vor allem Wissen, aller Reflexion, vor aller Entzweiung und Fremdheit scheint in der sexuellen Vereinigung mit dem dargebotenen Körper zum Greifen nahe. Die Persönlichkeit der Frau - ihr "Gesicht" - bleibt dem Auge jedoch entzogen. Das Bild wirkt daher wie eine Einladung zum reinen Geschlechtsakt. "Idealistischer" Titel und "realistisches" Bildmotiv stehen unverkennbar in Spannung zueinander. Bei jeder möglichen Deutung - das weibliche Geschlecht als Ort der Lust, Ausgangspunkt des Lebens oder Hinweis auf den Zustand paradiesischer Unschuld - ist der "Ursprung der Welt" entgegen seiner vordergründigen Enthüllung kein unmittelbar greifbares Objekt. Das Bild zeigt nicht das, was der Titel verspricht: Es ist sinnlich, emotionserregend, konkret in Bezug auf seinen Gegenstand. Es beabsichtigt keine Veranschaulichung eines Begriffs oder einer allgemeinen Abstraktion. Das Spannungsverhältnis zwischen Titel und Gegenstand soll eventuell von der Skandalwirkung des Bildes ablenken und diese mildern: Dann hätte der Titel "verhüllende" Funktion entgegen dem "enthüllenden" Inhalt. Andererseits kann die Spannung zwischen Bildtitel und Bildinhalt dessen skandalisierende Wirkung noch verstärken: Der Titel enthält einen universalen Anspruch, lässt eine philosophische oder religiöse Reflexion auf die Gesamtheit der Natur erwarten und regt diese an. Der Inhalt konfrontiert den Betrachter dann tatsächlich mit der Natur: aber eben seiner eigenen, unmittelbaren "Fleischeslust" und sinnlichen Welterfahrung. Der Schockeffekt ist vom Maler beabsichtigt: Courbet sah sein ganzes Wirken als Protest gegen überkommene künstlerische Konvention und Dogmatismus. Er suchte diese mit seinen Bildern zu sprengen. Gerade als reine Pornographie hätte das Bild diese Wirkung kaum erzielt. Ähnliche Themen:
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